Kultur | 21.09.2010

“Träffemer eus bim Tinguely-Brunne?”

Text von Fabian Frei
Wie oft bin ich nun schon an diesem Brunnen vorbeigefahren? Zwischen den Haltestellen Bankverein und Barfüsserplatz springt einem diese Kuriosität immer wieder in die Augen: der Fastnachtsbrunnen des Künstlers Jean Tinguely auf dem Theaterplatz in Basel.
Wenn die Figuren zum Tanz bitten... ... bewegen sich selbst Tauben mit... ... bei diesem wunderbaren Licht- und Farbenspiel. Fotos: Katharina Good

Diese verschiedenen Maschinen, die scheinbar zufällig Wasser durch die Luft spritzen, bilden eines der bekanntesten Kunstwerke im öffentlichen Raum der Stadt. Denn wie oft heisst es: Träffemer eus bim Tinguely-Brunne?

 

Das war nicht immer so. An der Stelle des heutigen Brunnens stand bis Mitte der 70er-Jahre die Bühne des alten Theaters vom Steinenberg. Beim Bau es neuen Stadttheaters entstand ein neuer Freiraum, dessen stilistisch vielfältige Umgebung die Gestaltung erschwerte. Als die Genossenschaft Migros ihr 50-jähriges Jubiläum feierte, schenkte sie der Stadt Basel einen Fastnachtsbrunnen. Dies läutete die Diskussion um die Gestaltung des Platzes ein. Nach einem Wettbewerb beschloss die Kommission, den Auftrag an Jean Tinguely zu verleihen.

 

Seid frei, lebt!

Jean Tinguely, auch Jeannot genannt, gilt als einer der wichtigsten Vertreter der kinetischen Kunstrichtung. Der Basler Künstler, 1925 in Fribourg geboren, experimentierte ab den 60er-Jahren mit skurrilen Maschinen, die er aus Abfallmaterial herstellte und mithilfe von Motoren zum Bewegen brachte. Die Bewegung bedeutet für Tinguely Freiheit, wie es in seinem 1959 veröffentlichten Manifest heisst: “Widersteht den angstvollen Schwächeanfällen, Bewegtes anzuhalten, Augenblicke zu versteinern und Lebendiges zu töten. Gebt es auf, immer wieder ‚Werte-˜ aufzustellen, die doch in sich zusammenfallen. Seid frei, lebt!”

 

Vielfalt und Gemeinsamkeit

Um die Idee, dass Bewegung Freiheit bedeutet, geht es auch beim neuen Brunnen. Aus alten Teilen des alten Stadttheaters konzipierte Tinguely neun miteinander tanzende Einzelfiguren. Individuelle Solisten, welche im Zusammenspiel miteinander das Gesamtwerk bilden.

 

Dr Theaterkopf, ein Abguss eines Musenkopfes des alten Theaters, übernimmt mit seinem wackelnden Kopf die Leitung des Orchesters. S Seechter, das mit seinem Sieb vergeblich Wasser in die Höhe hebt, schliesst sich zur Rechten des Leiters an, während zur Linken Dr Spritzer aus zwei kompakten Rädern einen peitschenden Wasserstrahl entsendet. In der Mitte des Brunnens erzeugt D Fontääne mit ihrem im Körper integrierten Rad einen Regenschauer. Dr Suuser verstärkt diesen Schauer mit seiner in den Himmel gerichteten Dusche, Dr Wäädel ergänzt das Spektakel mit seinem in die Luft spritzenden Fächer. Dieses Schauspiel verbindet die weiteren Figuren miteinander: Dr Waggler mit seinem vielfältigen Räderwerk und D Spinne mit ihren dünnen ineinander geschwungenen Armen scheinen im Regenschauer zu wackeln und zu tanzen. Die zwei übrigen Individuen sind Dr Schuufler, der mit zwei Tellerchen unentwegt Wasser schaufelt, und die 1983 hinzugefügte Schildchrott, die einen Wasserstrahl in die Brunnenmitte spritzt.

 

Die Figuren spielen ihr individuelles Spiel und vereinen ihre subjektiven Fähigkeiten zu einem gemeinsamen Freiheitstanz, der die Belebung des neuen Platzes feiert. So tanzte auch das Basler Ballettensemble zur Eröffnungsfeier des Brunnens am 14. Juni 1977 mit den neuen mechanischen Freunden und Tinguely ritt zu Kamel auf den Platz, um sie als neuen Teil in die Basler Kulturlandschaft aufzunehmen.

 

Ein Kunstwerk, das noch heute die kulturelle Vielfältigkeit Basels repräsentiert und die Menschen sich mit den Individuen identifizieren lässt. Am schönsten drückt dies das Balser Kinderlied “Bim Tinguely-Brunne” aus: “Mir kunnt bi der Spinne mit Schregge in Sinn: Jä, gsehn ych ächt glych us, wenn ych amme spinn?”

 

 

Info


In einer losen Serie nimmt Fabian Frei verschiedene Kunstdenkmäler der Stadt Basel unter die Lupe und gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Kunstwerke.