Sport | 06.09.2010

Tottenham Hotspur lud zum Tee

Ein "Wunder von Tottenham" konnte YB beim UEFA Championsleague Rückspiel gegen den Londoner Fussballclub Tottenham Hotspur zwar nicht verbuchen. Der Match in England war für die Berner Fans jedoch ein wunderliches Erlebnis.
Der Fussballclub Tottenham Hotspurs wurde 1882 gegründet, die Berner Young Boys 16 Jahre später.
Bild: Michelle Stirnimann Gut gefüllt war das White Hart Lane Stadion beim Rückspiel mit 34'709 Zuschauern.

Die Besten der besten Fussballclubs Europas spielen in der UEFA Champions League um den Pokal. Die Berner Young Boys waren diese Saison auch mit von der Partie. Zu Hause gegen die Londoner Tottenham Hotspurs gewannen die Berner überraschend mit 3:2. Beim Rückspiel blieb ein “Wunder von Tottenham” aber aus, YB verlor mit 4:0.

 

Die etwas andere Bilanz des Matchs: YB kann keine Eckbälle verwerten und in England trinkt man Tee auch während eines Fussballspiels. Aber alles der Reihe nach.

 

Audere est facere

Es regnete. Wie könnte es auch anders sein in England. Exakter: Im Nordlondoner Stadtteil Tottenham, das heisst, wir waren auf der Suche danach. So richtig genau konnte uns nämlich niemand sagen, wie man zum White Hart Lane Stadium kommt, wo das Rückspiel stattfand. Should we take the bus or go by train? Selbst die Engländer schienen sich uneinig, ob Bus oder Zug uns schneller zum Ziel bringen würden. Der sicherste und wohl einfachste Weg war, wie sich herausstellte: Folge den biertrinkenden Jungs in Fussballtrikots.

 

Hören konnte man sie schon von Weitem, die Tottenham-Fans. Die Rufe wurden lauter, wir schienen uns dem Stadion zu nähern. Was sie riefen, konnten wir nicht verstehen. Und das lag nicht an unseren Englischkenntnissen. Also fragten wir nach: “Yid army”. Yid army? Unsere fragenden Blicke lösten beinahe Entsetzen beim Vis-à -vis aus. Nach fünf Minuten Crashkurs über die Tottenhamer Fangemeinschaft fühlten wir uns schon fast in der Gemeinschaft aufgenommen. “Es zu wagen ist es zu tun” ist ihr Motto (Lat. Audere est facere), ein Hahn mit Sporen auf einem Ball stehend ihr Emblem, und Yid army, so nennen sich die Fans selbst.

 

Dann wollten wir aber doch den Weg zu den Gelbschwarzen finden. Im strömenden Regen und von Polizisten auf Pferden bewacht, warteten wir auf den Einlass ins Stadion. Steine in den Taschen? Essen dabei? Anscheinend kein Problem in Tottenham, wir durften beides behalten und mit ins Stadion nehmen.

 

YB Wurst versus Foot Long Hot Dog

Eine gelbe Wendeltreppe führte hinauf zur Tribüne. Wir staunten nicht schlecht über das, was uns oben erwartete. Zu Beginn sahen wir einfach nur Schwarz – und Gelb. Der relativ grosse Auswärtsfansektor war wahrscheinlich bis auf den letzten Platz besetzt. Inmitten der Fans standen Polizisten mit Bobbys. Kaum einen Platz gefunden, ging’s schon los mit dem Champions League Lied: “Die Meister, die Besten, les grandes equipes, the champions”. Schon nur diese glorifizierenden Töne in einer Lautstärke in diesem riesigen Stadion geben ein anderes Gefühl als Zuhause. Von der ersten Minute an gaben die YB-Fans alles. “When the Spurs go marching in” im ganzen Stadion versus “Olé olé YB” bei den Bernern.

 

Von unserem hochgelegenen Standort aus konnten wir das Spielgeschehen beinahe aus der Vogelperspektive mitverfolgen. Um die Spielnummern zu erkennen, hätten wir aber ein Opernglas benötigt. Schliesslich waren aber die Nummern auf den Trikots zweitrangig, die Meinungen im YB-Sektor einstimmig: “Was spielt der für einen Kabis?” Nach 47 Minuten Spielzeit stand es 2:0 für Tottenham. Pause – Zeit für einen Snack. Während man sich im Wankdorf Stadion in Bern eine YB Bratwurst und ein Feldschlösschen gönnt, isst man im Hart Lane Foot Long Hot Dog und trinkt alkoholfreies Carlsberg aus der Petflasche. Oder man macht es so british wie die Tottenham-Fans, packt Decke und Thermosflasche aus und gönnt sich einen warmen Tee.

 

Gelassene Engländer

Zweite Halbzeit: Weder das Wetter noch das Spiel der Young Boys wurden besser. Es war der Match von Peter Crouch. Der zwei Meter grosse Engländer Nationalspieler schoss in der 61. Minute das 3:0 und verwertete in der 78. Minute, ausgerechnet in der YB Viertelstunde, den Elfmeter zum Endresultat 4:0. In der 87. Spielminute dann dennoch eine Chance für den Gast: Ein Schuss aufs Tor der Engländer. Vielleicht hätte den Bernern fünf Minuten regenlose Spielzeit geholfen – aber Petrus war wohl auf der Seite der Spurs und verhalf den Londoner zu nassem Heimvorteil.

 

Aber wer denkt, die Stimmung wäre parallel mit der Chance, den Match doch noch zu gewinnen, zurückgegangen, der hat sich geirrt: Bis zur letzten Minute war es im Auswärtsfansektor unmöglich, sich miteinander zu unterhalten ohne zu schreien. Wir standen während des ganzen Spiels, hüpften und schrieen über 90 Minuten lang gegen die Kälte an. Die meisten Tottenham-Fans hingegen sassen auf ihren Sitzplätzen und erhoben sich nur bei sehr brenzligen Situationen und Toren, was ja dennoch häufig der Fall war. Dann wedelten sie mit ihren Fahnen – und verwandelten so das ganze Stadion in ein weisses Fahnenmeer.

 

Ein Tottenhamer Hahn in der Schweiz

Auch in punkto Fairplay war ich positiv überrascht, verbindet man doch die englischen Fussballfans schnell einmal mit Krawallen und Ausschreitunge. Dieser Match jedoch bewies das Gegenteil. Kurz nach Abpfiff stürmten einige Fans rüber zu den Gittern, welche die YB-Fans von den Tottenhams trennten. Sofort eilten auch die Bobby tragenden Polizisten dazwischen. Doch die Geste der Fans war eine andere: Schaltausch. Ich gebe dir einen YB Schal, du mir deinen Tottenham Schal oder deine Fahne. Auch ich bekam eine dieser weissen Fahnen mit dem Hahn auf Sporen. Stolz flog er mit mir im Handgepäck zurück in die Schweiz.

 

Die Spurs waren erleichtert, hatten sie gewonnen. Im strömenden Regen singend und johlend liefen sie zur Metrostation. “We’re all going on a European tour”, sangen sie, wir alle gehen auf Europatour. Und wir, wir gingen nach Hause.

 

Bye bye Champions League und hello Europa League.