Gesellschaft | 06.09.2010

Sie kommen, wenn es brenzlig wird

«Manchmal wird man sich der Gefahr schon bewusst, etwa wenn man aufgrund des Rauches nur eine Handbreite weit sieht und später feststellt, dass da noch ein offener Liftschacht war", erklärt der erfahrene Feuerwehrmann. - Ein kurzweiliger Nachmittag bei der Berner Berufsfeuerwehr.
Für Tink.ch hat sich der Reporter in einen "Schleier" geworfen.
Bild: Matthias Strasser Wenn's brennt zählt jede Sekunde. Jeder Handgriff sitzt. Jetzt geht es dem Wespennest an den Kragen. Im Vordergrund links ein Feuerwehrmann. Nicht nur Brände Löschen gehört zur Aufgabe der Feuerwehr. Mit vollem Körpereinsatz wird hier ein Auto verschoben. In diesem Raum werden die Schläuche gewaschen und getrocknet. Die Garderobe der Feuerwehrleute ist fast ebenso lang - und schön aufgeräumt. Anfahrt zum Wohnungsbrand Mit diesem Ventilator vertreiben die Feuerwehrleute den Rauch aus Treppenhäuser. Dieser Wagen kommt bei Rettungseinsätzen, etwa auf der Autobahn, zum Einsatz.

Kurz nach zwei Uhr nachmittags tönt ein lauter Gong durch die Feuerwehrkaserne an der Viktoriastrasse in Bern. “Chline Alarm”, schallt es aus den Lautsprechern, ein Wespennest im Breitenrain Quartier. Kleiner Alarm heisst, es wird ohne Blaulicht und Sirene gefahren. Mit zwei Feuerwehrmännern besteige ich ein im Hinterhof abgestelltes Fahrzeug und wir machen uns auf den Weg.

 

Keine zwei Minuten zuvor hatte ich den Stützpunkt betreten. Ich begleite die Feuerwehrmänner einen Nachmittag lang bei der Arbeit, beobachte und stelle Fragen. Heute ist es übrigens auch möglich, Feuerwehrfrau zu werden. Allerdings sind für Frauen die Aufnahmebedingungen gleich streng wie für Männer. Dies ist vielleicht mit ein Grund, weshalb bei der Berner Berufsfeuerwehr keine Frauen arbeiten. In anderen Corps, in Basel etwa, stehen aber Frauen bei der Brandbekämpfung im Einsatz. In Bern ist dies wohl bloss eine Frage der Zeit.

 

Das Wespennest klebt unter der Dachrinne eines vierstöckigen Mehrfamilienhauses. Gerade als ich das Teleobjektiv installieren will, fragt mich ein Feuerwehrmann, ob ich einen sogenannten Schleier als Schutz gegen die Wespen möchte. Ich vergesse das Tele, steige in einen weissen Kombianzug und klettere in den Korb der Drehleiter. Mit einer Abfallschaufel entfernen wir das fussballgrosse Wespennest, stecken es in einen Plastiksack und versprühen Insektenspray. Die stechende Fracht deponieren wir in einem Wäldchen. Der nächste Funkspruch – wieder ein Wespennest – entpuppt sich als Fehlalarm. Auf dem Rückweg winken wir einem kleinen Jungen zu, der von der anderen Strassenseite her mit grossen Augen das rote Auto bewundert. Auch das gehört zum Beruf. Feuerwehrmann zu werden ist eben für viele immer noch ein Bubentraum.

 

Auch Feuerwehrmänner sind bloss Menschen

Zurück im Stützpunkt machen wir einen Rundgang durch die Ausfahrhalle. Dort sind die Lastwagen parkiert. Jede Menge Feuerlöscher, Pressluftflaschen und weitere Utensilien findet man auf den Fahrzeugen. Plötzlich entdecke ich eine Kiste, die mir ein Lächeln entlockt. Angeschrieben ist sie mit “Eiserne Vorräte”. Darin finden sich Wasserflaschen und Energieriegel zur Stärkung im Einsatz. Auch Feuerwehrmänner sind eben bloss Menschen und brauchen Energie. Wir besichtigen die Schreinerei und die Autowerkstatt, ebenso wie den Wasch- und Trocknungsraum für Schläuche. “Würden wir alle Schläuche aneinander hängen, könnten wir das Wasser aus dem Neuenburgersee holen”, erklärt mir der Feuerwehrmann. Eine durchaus beruhigende Vorstellung. Beruhigend, weil im 40 Kilometer entfernten Neuenburgersee sicher genügend Wasser gegen jeden Brand läge.

 

Wir gehen in der Kantine essen. Allerdings gilt auch bei Mahlzeiten, ebenso wie in der Nacht: Bei Alarm müssen die Männer innerhalb von zwei Minuten im Auto sitzen. Ob in der Feuerwehr überdurchschnittlich viele Speisereste anfallen? Die Antwort: “Wir haben eine Mikrowelle, damit können wir das Essen nach dem Einsatz wieder aufwärmen.” Der Alarm bleibt an diesem Abend aus. Nach dem Essen will ich wissen, was hinter den Rettern in der Not steckt. Ich spreche mit einem erfahrenen Feuerwehrmann über sein Berufsrisiko. “Manchmal wird man sich der Gefahr schon bewusst, etwa wenn man aufgrund des Rauches nur eine Handbreite weit sieht und später feststellt, dass da noch ein offener Liftschacht war”, erklärt er. Ich schlucke leer. Die Männer haben gelernt mit dem Risiko umzugehen.

 

Der Löschzug

Um acht Uhr steht eine Übung an. Die Männer von der Nachtwache üben den Umgang mit dem Rettungszug. Und plötzlich wieder der Gong: “Dr Löschzug!” Es kommt Hektik auf. Fünfzehn Feuerwehrmänner rennen in die Ausfahrhalle. Schnell steige ich in das “Vorausfahrzeug” und mit bis zu 80 Stundenkilometern fahren wir durch die Innenstadt Richtung Weissenbühl. Motor und Martinshorn dröhnen jetzt um die Wette und langsam steigt mein Adrenalinpegel. Für die drei Kilometer benötigen wir knapp fünf Minuten. Vor dem Haus stehen bereits ein Streifenwagen der Polizei und eine Handvoll Menschen. Sofort wird ein Gebläse installiert, um den Rauch aus dem Treppenhaus zu vertreiben. Die Männer legen einen Schlauch. Die Sanität trifft ein. Jeder Handgriff sitzt. Der Einsatzleiter gibt mir eine Weste mit der Aufschrift “Einsatzleitung” und einem Emblem der Berufsfeuerwehr. “Damit dich die Polizei nicht wegschickt”, sagt er. So schnell erklimmt man die Karriereleiter.

 

Im Treppenhaus riecht es nach Rauch, Schläuche liegen am Boden. Als ich die Wohnung betrete, ist das Feuer bereits gelöscht. Die Feuerwehrmänner sind dabei, einen abgebrannten Dampfabzug mit einer Hacke zu entfernen, um einen Glimmbrand in der Isolation zu verhindern. Zudem suchen sie den Kochherd mit einer Wärmebildkamera ab, um weitere Brandherde zu identifizieren. Am Boden ist eine kleine Wasserlache erkennbar. Ein Feuerwehrmann in Brandschutzkleidung erklärt mir, dass der Brand mit einem Schaumlöscher gelöscht werden konnte. Menschen seien keine zu Schaden gekommen. Nach einer guten Stunde kehren wir zum Stützpunkt zurück.

 

Nachtschicht

Um zehn Uhr ist mein Tag bei der Feuerwehr zu Ende. Für die Männer beginnt nun eine lange Nacht, denn sie haben zu diesem Zeitpunkt erst gut die Hälfte ihrer 24 Stunden-Schicht hinter sich. Beim Verabschieden weiss ich nicht, was ich sagen soll. Gute Nacht passt nicht. Auf Wiedersehen? Besser nicht. Viel Glück? Irgendwie sentimental. Ich bedanke mich für das Erlebte und verabschiede mich mit einem Händedruck.