Kultur | 28.09.2010

Schlagzeile und Fertigsuppe

Andrew Warhola, oder Andy Warhol, wie er allgemeiner bekannt ist: Ein Künstler, der sich für seine Ikonen der Massenkultur als Begründer der Pop-Art einen Namen erarbeitete. Das Kunstmuseum Basel zeigt seine Arbeit der frühen sechziger Jahre. Eine Dokumentation von Warhola zu Warhol.
One Dollar Bill [Silver Certificate], 1962 (Ausschnitt). Warhol machte aus allen Massenwaren unseres Alltags Kunstwerke. Am Anfang seiner Karriere jedoch noch in mühevoller Arbeit mit Pinsel und Bleistift. Big Torn Campbell's Soup Can (Vegetable Beef), 1962. Do It Yourself (Flowers), 1962. Green Disaster #2, 1963.
Bild: © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / 2010, ProLitteris, Zurich

“129 Die In Jet”. Diese Worte in riesiger Schrift wecken die Aufmerksamkeit des Besuchers der Ausstellung “Andy Warhol. The Early Sixties”. Es ist der Ausschnitt eines Zeitungsartikels der New York Mirror vom 4. Juni 1962, der als Schlagzeile von einem Flugzeugabsturz eines Kunstvereins berichtete. Von Warhol stark vergrössert zur Kunst erhoben und somit zu einem gewissen Grad den Schrecken des Ereignisses entzogen, indem er das “Alltägliche” aus der Zeitung reflektiert und in einem neuen Kontext präsentiert. So dienten ihm Kreuzworträtsel, Werbeannoncen für eine Nasenoperation oder ein Fernseher für 199 Dollar als Vorlagen für die Bilder “Crossword Puzzle”, “Before and After” und “$199 Television”. Riesig im Vergleich zu den Originalen aus der Zeitung.

 

Noch mit Pinsel

Diese Originale sind ausgestellt und bilden zusammen mit den daraus hervorgegangenen Bildern die Brücke zwischen Massenmedien und Kunst. Oder war es nicht anders bei Warhol? Kunst ist ein Massenmedium? Zu Beginn nicht. Zwar war er als einer der wichtigsten Vertreter der Pop-Art zu Beginn in der Werbebranche tätig, machte Illustrationen für die Vogue oder andere Magazine, doch den Sprung zur anerkannten Kunst hatte er noch nicht geschafft.

 

In Basel sieht man den Prozess, wie Warhol die Verbindung zwischen Werbebranche und Kunstmarkt herstellte. Zuerst war das Logo der Firma Campbell, eine Dose mit Fertigsuppe. Davon machte der Künstler einige Schablonen und malte die Suppendosen 100 Mal auf eine grosse Leinwand. So machte Warhol schon 1962 aus einer Grafik das Kunstwerk “100 Campbell’s Soup Cans”. Anfänge zur Kunst als Massenmedium sind sichtbar, doch war in dieser Zeit noch ein Pinsel im Spiel.

 

In den Bildern “Do It Yourself” ist der Malprozess bewusst thematisiert. Die einzelnen Farben sind durch Nummern angegeben, eine Kopie der Idee eines Malkastens: Malen nach Zahlen. Ähnlich entstanden wohl auch die Porträts von Liz Tailor. Bei genauem Hinschauen sieht man die Bleistiftumrisse bei den knallrot ausgemalten Lippen und um den kräftigen Lidschatten. Erst dann hat er das Foto auf die Leinwand gedruckt.

 

2 x 5 Tote

Die Entdeckung des Siebdrucks war für Warhol wahrlich eine Revolution. Damit konnte er Fotografien direkt auf die Leinwand kopieren, immer wieder und immer in verschiedenen Farbtönen. Der Künstler überliess den Malprozess der Technik und betrachtete selbst, wie diese ab und zu Fehler machte. Trotz der seriellen Reproduktion, ist nämlich keines der 10 Bilder auf “Green Disaster #2” gleich wie ein anderes.

 

Spannend ist die Präsentation der originalen Agenturfotos von den Autounfällen. Und noch spannender ist es zu sehen, was Warhol in den Disaster-Series damit bewirken konnte. Man nimmt die Bilder ganz anders wahr, wenn man die Opfer zehnmal oder gar 68 Mal nebeneinander ausserhalb des Zeitungskontextes sieht. Der Weg zur Kunst als Massenmedium war geebnet, der von der berühmten “Factory” Warhols in den folgenden Jahren dann begangen wurde.

Die bekannten Ikonen der Pop-Art aber sind abwesend. Man sieht vielmehr, wie Warhol seinen eigenen Stil entwickeln konnte. Der Weg zur Kunst als Massenmedium. Eine lohnenswerte Ausstellung über einen Warhol, der die Vorbilder der Massen schon malte, selbst aber noch keines war.

 

 

Die Ausstellung


Andy Warhol. The Early Sixites, Kunstmuseum Basel, 5. September 2010 – 23. Januar 2011

 

Kuratoren: Bernhard Mendes Bürgi & Nina Zimmer