Gesellschaft | 20.09.2010

Rollstühle im Wald

Text von Anonym | Bilder von zVg
Ein Zeltlager für Menschen mit und ohne Behinderung: Hier gelangen die Teilnehmenden an ihre physischen und psychischen Grenzen. Ein Erfahrungsbericht einer SCI-Freiwilligen.
Das Zeltlager im Wald wird den Bedürfnissen der Teilnehmenden mit und ohne Behinderung angepasst. Während die Teilnehmenden sich selbst überlassen sind, geniessen die freiwilligen Helfer ein paar Tage lang süsses Nichtstun am See. Total ungerecht - wie im richtigen Leben.
Bild: zVg

Ein Zeltlager im Wald mit körperlich behinderten Menschen. “Wie soll ich mir denn das vorstellen?”, fragte ich mich, als ich angefragt wurde, das Camp “Round Lake” zu begleiten. Für dieses vom SCI ausgeschriebene Workcamp in Belarus hatten sich leider nur sehr wenige internationale Teilnehmer angemeldet, und da ich momentan als EVS-Langzeitfreiwillige in Minsk lebe, lag es nahe, dass ich als internationale Teilnehmerin mitmachte. So waren wir eine bunt gemischte Freiwilligentruppe aus Belarus, Deutschland und der Schweiz, die mithalfen, dieses Sommerlager für Menschen mit und ohne Behinderung durchzuführen.

 

 

Vorbereitung für Camp-Teilnehmer

In den ersten fünf Tagen bauten wir das Lager auf und bereiteten alles für die Ankunft der Teilnehmer vor. Lagerküche, Esszelt, Waschgelegenheiten, Toiletten, Feuerstelle für das Lagerfeuer – alles, was es halt so braucht für ein Zeltlager und wie man das aus Jungschi- oder Pfadilagern auch kennt. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass hier alles rollstuhlgängig sein musste. Kleine Erhöhungen im Boden wurden abgetragen, Vertiefungen zugeschüttet, und so wurde über die Tage die Schaufel zu unserer besten Freundin. Auch die Tische und Bänke, die wir für das Esszelt aufstellten, mussten besonders gut im Boden verankert sein. Denn die Teilnehmer sind hier nicht Kinder, sondern erwachsene Leute, die teilweise kein geringes Gewicht auf die Waage bringen, die aber aufgrund ihrer physischen Besonderheiten sich häufiger mal auf einem Tisch abstützen müssen, um sich hinzusetzen, oder die sich vielleicht auch mal von einem Rollstuhl auf eine Bank hieven möchten.

 

 

Russische Saune

Nach der schweisstreibenden Arbeit genossen wir abends den Pleschnizer Stausee, der sich netterweise gleich vor unserem Lagerplatz ausbreitete. Das absolute Highlight war aber die Einweihung der selbstgebauten Banja am Abend des fünften Tages. Nie fühlt man sich nach einigen Tagen im Wald so sauber wie nach einem Besuch dieser Sauna russischen Typs, wo man mit Eichen- und Birkenwedeln geschlagen und abgerieben wird. Dadurch zieht auch der letzte Dreck es vor, die Poren der Haut zu verlassen und anschliessend beim Abkühlen im See unter Sternenhimmel wegzuschwimmen, neuen Abenteuern entgegen.

 

Alle anders – alle gleich

Frisch geputzt und mit Spannung erwarten wir die Teilnehmer. Wir können uns kaum vorstellen, was für Leute da kommen. Der Organisator Vadim hat uns zwar ein bisschen etwas erzählt über Schwierigkeiten einiger Teilnehmer in anderen Jahren, wie es dieses Jahr aber wird, lässt er nicht vermuten. Jedenfalls erfahren wir, dass nicht nur Teilnehmer mit physischen Einschränkungen kommen, sondern auch Leute, die als “gesund” bezeichnet werden (auch wenn sie vielleicht gerade den Schnupfen haben). Die Organisation Raznye-Ravnye, die hinter dem Lager steht, hat das Ziel, Menschen mit und ohne Behinderung zusammen zu bringen. Raznye-Ravnye heisst frei übersetzt “alle anders – alle gleich” und das ist auch Programm in den zehn Tagen, die das Lager für die Teilnehmer dauert. Alle werden gleich behandelt in den Aktivitäten, die sich die zwei jungen Programmleiterinnen ausgedacht haben.

 

Gnadenloser Konkurrenzkampf

Das Programm ist in drei unterschiedliche Phasen eingeteilt. In den ersten drei Tagen soll ein gnadenloser Konkurrenzkampf entstehen:jJeder gegen jeden. Wer ist schneller, besser, klüger, stärker? Die Menschen mit Behinderungen werden bei den verschiedenen Wettkämpfen überhaupt nicht mit Samthandschuhen angefasst – ausser vielleicht von einigen der “gesunden” oder “gesünderen” Teilnehmern. In sich immer wieder neu zusammensetzenden Gruppen werden verschiedene Aufgaben bewältigt, für deren Lösung den einzelnen Mitgliedern der Gruppe Punkte verteilt werden.

 

Für uns Beobachter aus dem Westen scheint es zuweilen befremdlich, wie hier überhaupt keinen Wert auf political correctness gelegt wird. Die Leute mit körperlichen Einschränkungen bezeichnen sich selber auch oft als Invalide, und so genannt Gesunde spielen ihre körperliche Überlegenheit auch gerne mal aus. Allerdings geht es in den Wettkämpfen nicht nur um physisches Können, sondern auch um Kreativität, Beobachtungsgabe und Wissen. Die körperliche Überlegenheit einiger Teilnehmer ist und bleibt aber das Thema Nummer eins, und wird teilweise sehr erbittert diskutiert. Nichtsdestotrotz geben alle ihr Bestes, oder jedenfalls das, was sie dafür halten, bevor sie herausfinden, dass sie eigentlich mehr können als sie glauben.

 

 

Im Konflikt mit dem Helfersyndrom

Bei der Bewältigung verschiedener Aufgaben beginnen gruppendynamische Prozesse zu arbeiten und es kristallisieren sich Leader-Figuren heraus. Dies sind zumeist Leute,mit nicht allzu starken körperlichen Einschränkungen, aber auch eine junge Frau, die sich ohne Rollstuhl kaum fortbewegen kann. In diesen drei Tagen kommen viele Teilnehmer an ihre Grenzen, physisch und psychisch. Besonders interessant ist es auch zu beobachten, wie einige der gesunden Begleitpersonen, die sich daran gewohnt sind, den “armen Invaliden” zu helfen, mit ihrem Helferkomplex in Konflikt geraten, weil sie ja auch gewinnen wollen.

 

 

Total ungerecht?

Nach drei Tagen Wettkampf in sich ständig wechselnden Gruppenzusammensetzungen werden die Teilnehmer in drei feste Gruppen eingeteilt: die Stärksten, das Mittelfeld und die Schwachen. In diesen Gruppen verbringen sie nun die nächsten drei Tage, in denen sie ganz für sich selber sorgen müssen. Sie kochen selber Essen über dem Lagerfeuer, wofür sie Produkte und Feuerholz im Lagerladen für schlecht kopierte mini-Dollars kaufen können. Diese mini-Dollars stehen in direktem Verhältnis zu den Leistungen der jeweiligen Gruppenmitglieder in den Tagen zuvor. Das heisst konkret, die dritte Gruppe könnte sich kaum etwas zu essen kaufen, wenn von der Lagerleitung nicht Zusatzverdienstmöglichkeiten wie Holzspalten angeboten würde. Wir Freiwilligen, die wir uns normalerweise mit Beil, Kochlöffel und Abwaschbecken abmühen, geniessen diese drei Tage am Ufer des Sees. Alles total ungerecht, wie im richtigen Leben.

 

 

Wie verbringen die Teilnehmenden die nächsten Tage, in denen sie sich selbst überlassen sind? Das und mehr erfahrt ihr nächste Woche im zweiten Teil des Erfahrungsberichtes.

 

 

Info


Das Camp “Round Lake” findet jedes Jahr statt, und wird bestimmt auch nächstes Jahr als SCI Workcamp ausgeschrieben. Mitmachen lohnt sich.

 

Die Autorin lebt und arbeitet für ein Jahr in Minsk, Belarus. Sie arbeitet als Langzeitfreiwillige im EVS (European Volunteer Service) bei einer regierungsunabhängigen Organisation für blinde Jugendliche. Dies konnte ermöglicht werden durch die Zusammenarbeit des SCI Schweiz und der New Group SCI Belarus und dank der Finanzierung durch Jugend in Aktion.

 

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