Kultur | 27.09.2010

Que Serra

Text von Fabian Frei | Bilder von Fabian Frei
Der Geruch von Urin steigt in die Nase zwischen den vier massiven Stahlplatten auf dem Theaterplatz in Basel. Intersection ist der Name der Skulptur des US-amerikanischen Künstlers Richard Serra. Installiert wurde sie im Sommer 1982 zunächst nur provisorisch. Heute befindet sich die Installation noch immer vor dem Neuen Theater. Sie ist Zeugnis des bürgerlichen Sieges in einem Kulturstreit, der von 1992 bis 1994 dauerte.
Die Stahlskupltur steht seit dem 5. Juni 1992 auf dem Theaterplatz.
Bild: Fabian Frei

Richard Serras Geschichte in Basel fing schon lange vor Intersection an, er war Teil der Basler Kulturlandschaft. Der US-amerikanische Künstler und Vertreter der postminimalistischen Kunstrichtung hielt 1973 Einzug mit einer Ausstellung im Kunstmuseum: “Diagrams & Drawings” zeigte Zeichnungen von dreidimensional arbeitenden Künstlern aus den USA.

 

1980 war es Serra, der für die weitläufige Gartenanlage im Wenkenpark in Riehen die Stahlquader aufstellte (“Open Field Vertical/Horizontal Elevations”, 1979/80). Im selben Jahr war das Werk “Inverted House Of Cards” als Neuerwerbung im Museum für Gegenwartskunst Basel zu betrachten. Mit Intersection kam am 5. Juni 1992 die Entwicklungsgeschichte Serras in Basel dann zu einem Ende. Und war gleichzeitig der Anfang eines Streits, der Basels Kulturgeschichte prägen sollte.

 

Kreuzung ohne Verkehrssignale

Installiert wurde Intersection 1982 vorerst provisorisch im Rahmen der Ausstellung “transForm” des Kunstmuseums und der Kunsthalle Basel. Thema war die wortsspezifische Skulptur im öffentlichen Raum. Noch während der Ausstellung bildete sich ein Komitee um das Kunstwerk von Serra. Der Architekt des Theatergebäudes, Rolf Gutmann, der Konservator des Kunstmuseums Luzern, Martin Schwander, und der Basler Anwalt Hans Furer setzten sich für die Erhaltung von Intersection auf dem Theaterplatz ein.

 

Intersection wurde seinem Namen gerecht: Verzweigung. Wie eine Verzweigung dreier Strassen war Intersection der Kreuzungspunkt des Serra-Komitees aus der einen, der Gegner aus der anderen und der kompromissbereiten, schlichtenden Position aus der dritten Richtung. Doch offenbar kam es aufgrund fehlender “Verkehrssignale”, sprich mangelhafter Kommunikation und zu wenig Diskussionsregeln, zu einer “Kollision”, die in den 90er Jahren einen regelrechten Kulturstreit auslöste.

 

Wann ist Kunst Kunst im öffentlichen Raum?

Die Gegner des “Horrorgebildes” oder “Gusseisenmonsters” befürchteten, dass sich Intersection als Treffpunkt von Stadtstreichern, Drogendealern oder als Hinterhalt von Taschendieben etablieren könnte. Auch das berüchtigte Pissoir für Betrunkene und die Angst vor Sprayern standen bereits damals auf der Sorgenliste. Ausserdem betrug der Ankaufspreis knapp eine Million Franken. Geld, das man nach Meinung der Gegner für sinnvollere Dinge als für jenen “Schrotthaufen” aus 80 Tonnen Stahl ausgeben hätte können.

 

Während das Komitee langsam seine finanzielle Situation aufbesserte, tobte der verbale Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Skulptur. Das Plädoyer des Initiators Hans Furer war schliesslich der Funken, der das Feuer in einen kulturellen Grossbrand verwandelte. Furer fand, der durch Sponsoren finanzierte Betrag sei keine demokratische Frage, der Ankauf bedürfe deshalb keiner Abstimmung.

 

Die Frage, inwiefern Kunst im öffentlichen Raum notwendig und sinnvoll sei, war der Kernpunkt der Diskussion, neben gegenseitig persönlichen Angriffen der Protagonisten. Doch aller Effort, die definitive Installation zu verhindern, scheiterte an der bürgerlichen Kunst-Entschlossenheit. So gelang es dem Komitee, über viele kleine Beiträge die Skulptur zu erwerben. Am 17. Mai 1994 wurde Intersection der Stadt Basel als Schenkung von 272 Personen zuhanden der öffentlichen Kunstsammlung überreicht.

 

“S’kunnt wie’s kunnt«

Am 17. September 1994 wurde Richard Serras Skulptur schliesslich eingeweiht und als neuer Teil der Basler Kulturlandschaft gefeiert. Allerdings, wie es die Basellandschaftliche Zeitung zwei Tage nach der Einweihung verlauten liess, war es “vor allem der Basler Kulturkuchen, der feierte. Das Volk aber blieb weg.” Kunst für die Kulturgesellschaft, aber nicht für das Volk, das den Stahl von da an täglich zu Gesicht bekam.

 

Vielleicht rührt auch daher noch der Umstand, dass heute beim Durchschreiten der Seitengässchen durch die Stahlplatten stets der Geruch von Urin in die Nase steigt. Doch entsprechend dem Motto der Basler Fasnacht von 1994: “S’kunnt wie’s kunnt”. Oder eben: “Que Serra.”