Gesellschaft | 06.09.2010

Jacuzziputztechnikerinnen

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Ein Hotel hat ein Eigenleben. Die Gäste bekommen davon nur einen Teil mit, insbesondere an den nobleren Adressen. Unsere Receptionistin beschreibt in ihrem Arbeitstagebuch, was es alles zu sehen und hören gibt.
Was sich wohl hinter dieser Réception für Geheimnisse verbergen?
Bild: Seraina Manser

Spielort: Laverie

Zeit: 11.15 Uhr

 

Das polnische Zimmermädchen erzählt mir, während es die Duvets bügelt, von ihrer bevorstehenden Hochzeit. Schon seit Monaten legt sie von ihrem sowieso schon knapp bemessenen Lohn etwas beiseite, um ihren Eltern die Reise nach Paris zu ermöglichen. Die Vermählung findet auf der polnischen Botschaft in Paris statt. Sie wird das Festmahl selbst zubereiten. Im Gegensatz zum anderen Zimmermädchen, das ausser „Je ne parle pas français“ kein Wort französisch spricht, kann sie sich gut mit mir unterhalten, und zwar nicht nur über Jacuzziputztechniken und frische Handtücher. Leider nur kurz: der Gast im Zimmer 102 hat ein Frühstück bestellt, schnell verschwindet sie in der Küche

 

Spielort: fünfte Etage

Zeit: 14.35 Uhr

 

Der Chef schickt mich in die fünfte Etage, wo ich einen Techniktest in allen Zimmern durchführen muss. Folgende Dinge sind zu kontrollieren: Funktionieren alle Lampen? Ist die Minibar gefüllt? Empfängt der Fernseher auch internationale Kanäle? Schon erstaunlich, was manche Gäste in die Ferien oder auf die Geschäftsreise mitnehmen: im Zimmer 501 hat doch einer tatsächlich eine ganze Kiste mit Aldis besten Knackwürsten dabei, und in Nummer 503 hat ein Kind schön säuberlich seine ganze Plüschtierfamilie auf dem Bett drapiert. Sogar ein singender Winnie the Pooh ist darunter. Der hat mir einen schönen Schrecken eingejagt, als ich da ahnungslos, nach dem obligaten Klopfen, das Zimmer betrat und eine Stimme mir aus den Untiefen des Plüschbergs entgegensang.

 

Spielort: La réception

Zeit: 15.22 Uhr

 

Ein braungebrannter Gast in teurem Anzug, mit Goldklunkern an den Fingern und Raybanbrille in den schmierigen Haaren, lehnt sich lässig an die Theke. In Englisch mit starkem Akzent bittet er mich, eine Thaimassage für ihn zu reservieren. Am besten mit „attraktiven Ladies“ und nicht in weiter Entfernung zum Hotel. Zum Glück gibt es Internet, sind doch meine Kenntnisse im Bereich: „Wo gibt es gute Thaimassagen in Paris?“ nicht so fundiert. Schliesslich gibt er sich mit einer „Thäi Massage Traditionnel“ für 120 Euro die Stunde zufrieden. Nachdem ich mit der sympathisch klingenden Thailänderin per Telefon einen Termin abgemacht habe, verlässt er zufrieden lächelnd das Hotel und ich danke Dieu, dass ich in diesem Moment keine Thaimasseuse bin.

 

Spielort: La réception

Zeit: 20.00 Uhr

 

Bernard, der Nachtportier, übernimmt meinen Platz hinter der Réception. Nachdem die ausstehenden Ankünfte geklärt und gemeinsam über den anspruchsvollen Klienten im Zimmer 404 gelästert wurde, wünsche ich Bernard „bonne nuit“, durchschreite beschwingt die Empfangshalle, kreuze vor der Tür einen entspannt dreinblickenden Mann, der nach Massageöl riecht, und beginne den Pariser Feierabend.