Gesellschaft | 09.09.2010

Hauptsache machen

Ein Baumhaus bauen. Einen Teich begrünen. Solche und fast 600 weitere gemeinnützige Projekte stampfen rund 25'000 Jugendliche in der ganzen Schweiz an der Aktion 72 Stunden aus dem Boden. Und das, wie der Name sagt, in 72 Stunden.
Die Medienkonferenz ging gestern Mittwoch in der Hauptzentrale in Bern über die Bühne.
Bild: Eva Hirschi und Céline Graf In diesem Callcenter reihen sich 18 Anschlüsse aneinander. Hier gehen Medienanfragen, Hilferufe der Gruppen und Hilfeangebote der Bevölkerung ein. Michael In Albon leitet das bundesweite Projekt "Schulen ans Internet", das bis zu 6000 Schulen in der Schweiz gratis ans Internet dockt und die Medienkompetenz fördert. Matthias Fiechter ist Co-Projektleiter und Mediensprecher von 72 Stunden: "Die Gruppen sollen nicht ihr eigenes Pfadiheim reparieren, sondern Dritten helfen."

Genau um 18.11 Uhr fiel auf der Münsterterrasse in Bern der Startschuss zur Aktion 72 Stunden. Bis Sonntagabend setzen rund 25’000 Jugendliche in der ganzen Schweiz während 72 Stunden über 580 gemeinnützige Projekte in die Tat um. Ohne finanzielle Mittel. Ob die Teams nun eine Skateranlage bauen oder einen Handykurs für Senioren leiten, wussten bis soeben allein die lokalen Gruppenleitenden.

 

“Ein Abenteuer, ein Wettlauf gegen die Zeit”, solle es schon sein, sagte Co-Projektleiter Matthias Fiechter von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände SAJV am Mittwoch vor den Medien. In erster Linie gehe es aber um Solidarität und darum, zu zeigen, was viele Jugendliche in der Schweiz an Freiwilligenarbeit leisten würden. Im Jahr sind das laut SAJV und dem Bundesamt für Statistik circa eine Million Stunden.

 

Radio als Brückenbauer

Bei unseren deutschen Nachbarn verrichten Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren täglich durchschnittlich dreizehn Minuten ehrenamtliche Arbeit*. Das ist wenig im Vergleich zu älteren Altersgruppen. Dennoch: In Deutschland fand die Aktion 72 Stunden ihren Anfang. Nach 1995 in Münster folgten ähnliche Projekte in anderen Bundesländern, bis die Welle 2002 unter anderem nach Österreich überschwappte und 2005 schliesslich die Schweiz erreichte. Damals wurden die Leute via Radio DRS 3 aufgerufen, wo nötig mitzuhelfen. Zum Beispiel, indem man einer Gruppe Verpflegung oder Werkzeug vorbeibrachte.

 

“Die Öffentlichkeit wird miteinbezogen in die Projekte”, sagte Axel Marion, Co-Vorstandspräsident der SAJV. Man möchte die Schweizer Bevölkerung über das Radio abholen, zu Hause, auf der Arbeit oder im Auto – das gehörte schon vor fünf Jahren zum Konzept von 72 Stunden. Nur sei seit damals vieles “professioneller geworden”, so Matthias Fiechter im Interview (siehe Link). So stehen etwa auf der Webseite Dispensationsgesuche für Schüler, Handbücher für Gruppenleiter und andere Dokumente zum Herunterladen bereit.

 

Nonstop am Telefon

Ausgebaut hat SAJV seit 2005 auch die Partnerschaften. Dieses Jahr begleiten Radiosender der SRG aus allen vier Sprachregionen die Aktion. Das Textilunternehmen Switcher sponsert himmelblaue Aktions-T-Shirts aus Fairtrade Biobaumwolle. Und die Swisscom beherbergt in ihrem Gebäude an der Genfergasse 14 in Bern gleich die Hauptzentrale von 72 Stunden. “Wir als Erwachsene stehen daneben und unterstützen die Jugendlichen, ihre Träume zu verwirklichen”, sagte Michael In Albon von der Swisscom.

 

Dreh- und Angelpunkt der Aktion ist das Swisscom Gebäude, wo gestern die Medienkonferenz stattfand. Helfer nehmen dort in einem Callcenter nonstop Anrufe entgegen. Es wird organisiert, informiert, umdisponiert, vermittelt. Ob am Ende nach 72 Stunden alle Projekte so herauskommen, wie geplant, sei nicht so wichtig, meinten die Organisatoren. “Hauptsache”, wie Michael In Albon feststellte, “es wird etwas gemacht.”

 

*Statistisches Bundesamt, Forum der Bundesstatistik, Bd. 43, 2004

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