Gesellschaft | 06.09.2010

Einmal Murtensee retour

Text von Pascal Gähler | Bilder von Pascal Gähler.
Wer hat behauptet, das Militär könne nicht für Abwechslung sorgen? Die Offiziersanwärter in Bern werden jedenfalls mit einer achstündigen, nächtlichen Fahrradtour beglückt. Ein Erfahrungsbericht frisch ab dem Fahrradsattel.
Ein Stahlesel für die künftigen Offiziere. Von Bern um den Murtensee und zurück: Ein vergnüglicher Tagesausflug sähe anders aus.
Bild: Pascal Gähler.

Ich höre die Melodie des Weckers. Irgend so ein Standard-Iphone-Ton. Versuche meine Augen zu öffnen, aber es ist ganz einfach noch zu früh dafür. Kein Wunder: Als ich endlich einen Blick auf die Uhr werfen kann, zeigt diese 2:00 Uhr an – in der Nacht versteht sich. Ich frage mich, weshalb ich denn schon um diese Uhrzeit geweckt werde. Und da fasse ich endlich einen klaren Gedanken und erinnere mich daran, dass heute eine Velotour mit meinen Kollegen auf dem Tagesprogramm steht. Die Kleidermode hat sich auch diesem Umstand angepasst. Denn statt Baggy Pants werden eng anliegende Velohosen angezogen. Darüber kommen dann aber die normalen Hosen, denn niemand geht freiwillig so nach draussen.

 

Kalt und dunkel

Inzwischen ist es 2:30 Uhr. Seltsam, um diese Zeit etwas essen zu gehen, aber wir wollen uns doch alle gestärkt auf die 100 Kilometer lange Strecke begehen. Unser Ziel ist es, nach unter acht Stunden wieder zurück zu sein. Mit Sack und Pack unter dem Arm machen wir uns auf den Weg zu unseren Fahrrädern. Der Rucksack wird auf dem Packträger am Lenker festgemacht, alles andere wird in den Taschen verstaut. Es sind gefühlte 12 Grad Celsius. Auch das Pumpen der Reifen bringt nichts gegen diese Kälte.

 

Eine Stunde später fahren wir los. Die Route führt uns von Bern aus rund um den Murtensee und wieder zurück. Noch keine 15 Minuten sind vergangen und schon merken wir, dass wir wohl eine Abzweigung verpasst haben. Aber wie soll man in der Nacht auch Karte lesen? Hier beim Bärengraben sind wir aber definitiv falsch. Geniessen wir halt die idyllische Stadt noch ein bisschen länger.

 

Irgendwann einmal haben wir es dann auch aus der Stadt geschafft. Wir fahren jetzt einem Waldstück entlang. Über uns der klare Nachthimmel. Mond und Sterne spenden uns ihr Licht. Nur schade, dass es hier schon hügelig ist und wir dauernd bergauf fahren müssen, was mit diesem Stahlesel ziemlich anstrengend ist. Jetz kommt auch noch eine Treppe und davor ein Veloweg-Schild. Seltsam, diese Berner. Doch auch die geschätzten 50 Treppenstufen erklimmen wir und weiter geht unsere Fahrt.

 

Um mich von der körperlichen Belastung ein wenig abzulenken, denke ich über Gott und die Welt nach. Da kommt mir plötzlich dieser blaue Papagei mit den rot-schwarz karrierten Hosen in den Sinn. “Globi an der Tour de Suisse” hiess dieses Buch doch. Ob er es auch so streng hatte? Doch plötzlich ist wieder Konzentration gefragt. Es geht wortwörtlich über Stock und Stein. Einen schmalen Waldweg stürzen wir hinunter ins Tal. Wenn jetzt einem der Bändel vom Rucksack zwischen die Speichen kommt, dann hätte die Mobiliar wohl einen neuen Werbefilm. Aber wir alle haben Glück und kommen heil unten an.

 

Rückweg in den Morgen hinein

So langsam haben wir doch schon einige Kilometer hinter uns. Wäre es hier am Murtensee nicht so neblig, würden wir sogar den Sonnenaufgang sehen. Ausser schlechter Sicht bringt der graue Schleier auch eine eisige Kälte mit sich. Von Sommer spüren wir nichts mehr. Wir ziehen unsere Handschuhe an, nicht dass unsere Hände noch an der Lenkstange festfrieren.

 

Die Umrundung des Sees geht dann sehr schnell. Die Strecke ist flach und wir können mit viel Tempo den Rückweg in Angriff nehemen. Doch bevor es soweit ist, stärken wir uns noch beim Verpflegungsposten bei Kilometer 52. Der Rückweg ist nicht mehr so leicht. Einerseits sind einige von uns schon ziemlich geschwächt, auf der anderen Seite geht es jetzt auch vermehrt den Berg hinauf. Doch plötzlich erblicke ich das Ortsschild von Bern. Wir sind jetzt schon über sieben Stunden unterwegs, alle sind müde und möchten nur noch von den Fahrrädern runter. Unsere Motivation sinkt weiter, denn wir erblicken gerade ein Schwimmbad. Die Temperaturen sind im Verlauf des Morgens so hoch gestiegen, dass sich einige Zivilisten ins Wasser trauen. Andere spielen Beachvolleyball oder geniessen die Sonnenstrahlen. Nur wir treten weiter in die Pedalen.

 

Erst das Velo, dann der Schweiss

Nach acht Stunden und 22 Minuten haben wir das Ziel erreicht. Alle sind erschöpft und werfen ihre Fahrräder auf den Boden. Jetzt noch ein Foto und dann ab unter die Dusche. “Halt, nicht so schnell!”, wird uns hinterhergerufen. Wir sollen zuerst noch unsere Velos sauber machen. Wir erhalten einen Putzlappen und den Befehl, alles auf Hochglanz zu polieren. Eine knappe halbe Stunde dauert es, bis jedes bisschen Dreck an der letzten Speiche weggeputzt ist. Jetzt ab unter die Dusche und dann gibts Mittagessen.

 

Wenn jemand beim Durchlesen des Artikels Lust bekommen hat, auch eine solche Tour zu machen: Die Schweizer Armee stellt den Offiziersanwärtern kostenlos das Material zur Verfügung und sorgt dafür, dass alle 25 Kilometer ein Verpflegungsposten bereit steht.