Gesellschaft | 10.09.2010

Ein Dorfplatz wird zum Festplatz

Ein Quartierfest für die Anwohner des Tscharnerguts organisieren Berns Freikirchen. Für einmal haben sie sich zusammengeschlossen, um das Beste aus den 72 Stunden herauszuholen. Und das ist ganz schön viel!
Zum Mittagessen sponserten Lieferdienste aus der Gegend Pizza.
Bild: Corina Fuhrer So sieht es im Massenlager der Mädchen aus. Das "Moderationsteam" bei der Arbeit. Mal Pause machen auf dem "Stuhl der Müden". Mit dem Velo auf Jagd nach Lebensmitteln.

Wenn man an der Fabrikstrasse in Bern um die Ecke biegt, sieht man als erstes ein Riesentrampolin. Es steht vor dem Eingang zu den Räumlichkeiten der Freikirche New Life. Kinder aus der Nachbarschaft stehen davor und schauen erwartungsvoll. Ob das wohl für uns ist, sagen ihre Blicke. Leider nein, denn das Trampolin wartet auf seinen Einsatz morgen am Quartierfest im Tscharnergut, einer Wohnsiedlung im Westen von Bern.

 

Rund 30 junge Helfer sind die ganze Zeit mit von der Partie. Um etwas Struktur in den Ablauf zu bringen, haben sich die Kinder je nach Interesse in Kleingruppen aufgeteilt. Manche sind nun für Sponsorenanfragen zuständig, andere kümmern sich um die technischen Feinheiten oder organisieren die musikalische Unterhaltung für die Schaulustigen. Die Kinder fragten unter anderem Zürcher Rapper Bligg und das Komikerduo Divertimento an – Antworten kamen bis Redaktionsschluss noch keine.

 

Wolkenkratzer statt Reihenhäuser

Die Chancen für hohe Besucherzahlen stehen gut. Das Tscharnergut, wo das Fest stattfinden soll, ist eines der grössten Quartiere der Stadt. “Wir hoffen auf zahlreiches Erscheinen”, sagt Monika Graf, eine der Untergruppenleiterinnen. Schliesslich, erklärt sie, stünden dort auch Hochhäuser, und nicht nur “Reihenhäuschen mit zwei, drei Familien drin”.

 

Die Motivation der Teilnehmer kennt viele Gründe: Gutes tun, den Leuten eine Freude machen, Erfolgserlebnisse erfahren und Resultate sehen, oder ganz einfach der Kick, sich einer Herausforderung zu stellen, so tönt es aus allen Ecken. “Und nicht zuletzt das Gruppenfeeling, das ‘fägt’ einfach”, meint Nadal Gasser von der Freikirche Vineyard Bern.

 

Däjph Wöhrle, Jugendarbeiter bei New Life, hat die Idee “Ein Dorfplatz wird zum Festplatz” eigens ausgetüftelt. Für ihn steht fest: die Aktion 72 Stunden hat Unterstützung verdient. “Nach einem Treffen mit Hauptorganisator Andreas König war schnell klar, dass auch wir mithelfen wollen und sollen”, sagt er.

 

Mangelware Lebensmittel

Das grösste Hindernis stellt bis jetzt die Verpflegung dar. Die grossen Getränkelieferanten möchten zwar helfen, sind aber nicht in der Lage so kurzfristig zu liefern. Eine Bestellung fünf Tage im Voraus wäre ideal gewesen – das ist bei der Aktion 72 Stunden natürlich keine Option. “Aber genau dies ist ja auch die Herausforderung dabei”, findet Monika Graf. “Sonst wäre es doch viel zu einfach.”

 

Da das Projekt ohne Geld auskommen soll und auch das Essen am Samstag gratis an die Gäste abgegeben wird, haben sich die Kinder ihren Einfallsreichtum zunutze gemacht: Mit Einkaufslisten stellen sie sich vor Supermärkte und bitten Leute, zwei bis drei Lebensmittel für sie gleich mit einzukaufen. Das klappt. Nach den Absagen der Grosskonzerne sind jetzt bei Einzelpersonen endlich ein paar Erfolge zu verbuchen. So stellen zum Beispiel auch viele Eltern ihre Backkünste in den Dienst von 72 Stunden.

 

Obwohl es noch viel zu tun gibt, nimmt das Projekt langsam Form an. Was jetzt noch fehlt, wird heute Freitag organisiert. Morgen dann, geht’s ans Aufbauen. Auf die Frage, wann heute die Kinder nach Hause gehen, meint Däjph Wöhrle: “Gar nicht! Wir übernachten alle hier.” Und tatsächlich: zwei Räume wurden mittels Mätteli und Schlafsäcken zu Massenlagern umfunktioniert. Ob überhaupt an Schlaf zu denken sei, weiss aber noch niemand. Denn im Wettlauf gegen die Zeit zählt jede Minute.