Gesellschaft | 27.09.2010

Bern sagt Ja zur “Halle” und hat eine neue Briefmarke

Text von Matthias Strasser | Bilder von Julia Weiss
Bern sagt zum fünften Mal Ja zum alternativen Kulturzentrum Reitschule. Mit vergleichsweise hoher Stimmbeteiligung lehnten die Berner die Verkaufs-Initiative am Sonntag deutlich ab. Die Betreiber der Reitschule fassen das Nein auch als Ja zur Kultur und als Vertrauensbeweis der Stadtberner Bevölkerung auf.
Die dunklen Wolken der Initiative haben sich am Sonntag definitiv verzogen.
Bild: Julia Weiss

Ein Hallenbad oder ein Einkaufszentrum sollte auf dem Areal der heutigen Reitschule dereinst entstehen. Dies zumindest wollte die junge SVP mit der Initiative “Schliessung und Verkauf der Reitschule an den Meistbietenden” erreichen. Dass das Gebäude in der Berner Innenstadt unter Denkmalschutz steht, haben die Initianten um Erich Hess dabei nicht bedacht.

 

Mehr als zwei Drittel stimmten Nein

So weit liess es das Stadtberner Stimmvolk aber gar nicht erst kommen. 68,4 Prozent haben am Sonntag Nein gestimmt. Die Stimmbeteiligung lag mit 47,1 Prozent relativ hoch. Bis weit ins bürgerliche Lager hinein haben sich die Parteien hinter die Reitschule gestellt. Es war deshalb zu erwarten, dass die Initiative deutlich abgelehnt wird.

 

Die Stimmung auf dem Vorplatz der Reitschule war am Sonntagnachmittag entsprechend gelöst. Dieses Resultat sei “ein Stoss ans Schienbein der politischen Rechten” des Initiativkomitees, frohlockte etwa Tom Locher von der Mediengruppe der Reitschule. Und weiter: “Ein Nein zu dieser Initiative ist auch ein Ja zur Kultur”. Johannah Pärli vom Restaurant “Sous le Pont” war dennoch etwas enttäuscht: “Ich hätte schon auf mindestens 70 Prozent getippt”, sagte sie. Die Selbstverständlichkeit, mit welchem die Reitschülerinnen und Reitschüler das Nein zur Kenntnis nehmen, zeigt auf, wie sehr sie an ihren Sieg geglaubt haben.

 

Reitschule salonfähig?

Ein Grossteil der Kulturschaffenden hat sich für die Reitschule eingesetzt. Tomazobi, Pedro Lenz und Kutti MC sind nur drei Namen unter den vielen Musikern, die einen Track zur CD “Reitschule beatet mehr” beigesteuert haben. Und Rapper Müslüm hat mit seinem Song “Erich, warum bisch du nid ehrlich” bewiesen, dass die Reitschule mit viel kreativer Energie nicht bloss die Herzen der Reitschulbesucher, sondern auch die Hitparade erstürmen kann.

 

Tatsache ist auch, dass ein Grossteil der Berner Jugend viel Freizeit in der “Halle”, wie das Gebäude umgangssprachlich genannt wird, verbringt. Es sind nicht mehr nur die linken Querulanten und Weltverbesserer der 80er-Jahre, die in der Reitschule ein- und ausgehen. Der Dachstock ist heute eines der beliebtesten Konzertlokale der Stadt.

 

Gewitzter Abstimmungskampf

Dem Komitee ist es gelungen, mit einem gewitzten Abstimmungskampf der Bevölkerung den Wert der Reitschule darzulegen. Mit dem Slogan “Preis: 1x Nein” und extra angefertigten Briefmarken für die briefliche Stimmabgabe wurde gerade jener Generation der Urnengang nahegelegt, die zwar gerne Kultur konsumiert, jedoch nicht gerade für grosses Interesse an der Politik bekannt ist.

 

Pressesprecher Tom Locher betonte nach Bekanntgabe des Resultats am Sonntag, dass man für den Abstimmungskampf “keinen Rappen” Subventionsgelder verwendet habe. Man habe die benötigte Summe unter anderem aus dem Erlös der verkauften Abstimmungs-CDs gewonnen.

 

Fünftes Vertrauensvotum

Nach dem vergangenen Wochenende ist klar: Die Bevölkerung hat der Reitschule erneut ihr Vertrauen bewiesen. Der Slogan “Die Reitschule gehört eben auch zu Bern” hat sich nach der fünften Abstimmung einmal mehr als wahr herausgestellt.

 

In der Reitschule bleibt also vorerst alles beim Alten. Neu gestaltet werden soll hingegen bald das Areal Schützenmatte. Im Gespräch sind etwa Überbauungen des Parkplatzes und des Eilgutbahnhofs mit Universitätsgebäuden. Zudem soll die Beleuchtung des Areals optimiert werden. Klar ist: Weder ein Einkaufszentrum, noch ein Hallenbad wird auf dem Gelände entstehen.