Gesellschaft | 27.09.2010

100 Jahre

Text von Ennio Cadau
In diesen Tagen feiert das Zürcher Volkshaus sein 100-jähriges Bestehen. Das illustre Haus hat viel erlebt und glänzt immer noch als eine der besten Lokalitäten der Limmatstadt. Das Haus am Helvetiaplatz, das den Meisten als Konzerthalle bekannt sein dürfte, hat jedoch noch mehr zu bieten.
100 Jahre Bewegung im Volkshaus. Der Saal im Volkshaus hat schon viel gesehen. Fotos: Volkshaus Zürich

Erste Pläne für den Bau eines Volkshauses entstanden schon 1893. Damals wurde ein alkoholfreier Treffpunkt für die Arbeiterklasse diskutiert. Zürich-Aussersihl galt als Arbeiterquartier. Böse Zungen behaupten, dass das Volkshaus ein Geschenk der Aristokraten an die Arbeiterklasse war, um die negative Stimmung etwas zu mildern. Wie überall, wo die industrielle Revolution stattgefunden hatte, forderten Fabrikarbeiter ihre Grundrechte ein. Es vergingen aber noch etliche Jahre, bis dann 1905 die Stiftung des Volkshauses gegründet wurde, die auch heute noch alle Räume verwaltet. Ohne aber den Grundauftrag zu vergessen. Die Stiftungsurkunde besagt:

 

“Der Zweck des alkoholfreien Volkshauses muss darin bestehen, der Bevölkerung zweckmässig und freundlich ausgestattete Versammlungsräume sowie Räume zu geselliger Unterhaltung und zu Bildungszwecken zur Verfügung zu stellen. Die Räume des Volkshauses sollen ferner zum Betriebe eines alkoholfreien Restaurants und einer Speiseanstalt und zu anderen Einrichtungen, für die ein öffentliches Bedürfnis vorhanden ist (z.B. Badeanstalt), dienen.

 

Die ersten Jahre

Die Räume sollten Menschen jeder Religion und politischer Gesinnung Platz bieten. Alkoholfrei war das Haus, weil zu diesen Zeiten der so genannte Elendsalkoholismus ein massives Problem der Arbeitsklasse war. Dem wollte man mit “trockenen” Räumen entgegenwirken. Zwischen Oktober und November 1910 wurden die Räume am Helvetiaplatz endlich bezogen. Von Anfang an herrschte reges Treiben – das Haus für die Massen war ein Erfolg. Allerdings fehlte ein heute bedeutender Teil: Der Saal wurde erst nach dem 1. Weltkrieg angehängt. Beim ersten Anlauf fehlten schlicht die Mittel. Dafür wurde ein ganz anderer Service ein grosser Erfolg. Die Badeanstalten zogen die meisten Besucher an. 1916 wurden sie durchschnittlich rund 460 Mal täglich (!) benutzt. Wohnungen im Aussersihl verfügten nicht über Duschen, also waren viele Bewohner auf die öffentlichen Hygienevorrichtungen angewiesen. Bis in den 1950er blieben die Bäder die grösste Einnahmequelle für das Volkshaus. Ob Lenin vor seiner Rede wohl auch noch eine erfrischende Dusche genoss? Er war nicht der einzige geschichtsträchtige Gast im Volkshaus – aber wohl einer der skandalträchtigsten. Während der 1920er galt der Bau auch als Versammlungspunkt für Bolschewiken, die die Revolution gegen das Proletariat planten. Gleich neben dem Frauenverein, der auch regelmässiger Gast war. Dank dem strategischen Sitz am Helvetiaplatz spielte das Volkshaus indirekt bei vielen Protesten und Demonstrationen immer eine Rolle, Das Volkshaus diente auch den Gewerkschaften als Versammlungsort.

 

Die Geschichte geht weiter

Während die Schweiz sich nach dem zweiten Weltkrieg neu ordnete, begann auch für das Volkshaus eine Zeit des Wandels. Die Badeanstalten wurden in eine Sauna umfunktioniert. Hauptattraktion wurde nun der grosse Saal mit seinen vielen kulturellen Veranstaltungen und musikalischen Highlights. Die Liste der Künstler, die im Gebäude gastierten, ist unendlich. Eine weitere grosse Veränderung war die Aufhebung des Alkoholverbots im Jahre 1979. Heute so wie vor 100 Jahren, bietet das Volkshaus Platz für Bildung und Kultur. Die Stiftung begrüsst immer noch Menschen ohne Diskriminierung und kreiert einen wertvollen Ort der Begegnung für Zürich und die Schweiz. Im Oktober finden diverse Veranstaltungen im Volkshaus statt, die das hundertjährige Bestehen feiern. Im Verlag “hier und jetzt” erscheint das Buch “100 Jahre Volkshaus”, das die bewegte Geschichte im Detail erzählt.

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