Gesellschaft | 09.08.2010

Wie ein Spiegel der Gesellschaft

Text von Martin Sturzenegger | Bilder von Imre Mesterhazy
Feiernde Jugendliche, Alteingesessene und meditierende Einzelgänger: Ein Besuch auf dem Campingplatz Auslikon am Tag der Nationalfeier enthüllt viele soziale Facetten.
Nationalfeiertag auf dem Campingplatz Auslikon.
Bild: Imre Mesterhazy

Dorf Auslikon, am Tag der Nationalfeier: Ein Mann entgegnet seinem Nachbarn, der ihn soeben auf die Auswüchse seines Dreitagebarts aufmerksam gemacht hat: “An Sonntagen werden bei mir nur die Pflanzen gestutzt.” Er greift zur Schere, um der angrenzenden Hecke den letzten Schliff zu verleihen. Der Nachbar winkt ab und dreht sich seinem Grill zu, auf dem die Bratwürste und Cervelats fürs Abendessen schmoren. Seine Frau hisst im Hintergrund die rot-weisse Flagge. Die Kinder bringen Raketen, Vulkane und sonstiges Gedönns in Ausgangsposition. Aus dem Hausinnern schallt der Fernseher, der gerade einen Zusammenschnitt der wichtigsten Festreden ausstrahlt. Alle Aktivitäten, die in dieser gutbürgerlichen Wohnsiedlung in Auslikon stattfinden, sind auf das bevorstehende Fest am Abend programmiert. Rot und weiss die dominierenden Farben.

 

Weiter unten, im Naturschutzgebiet, das die Uferregion des Pfäffikersees in einen stillen, grünen Mantel hüllt, ist von der vorfestlichen Knisterstimmung zunächst nicht viel zu spüren. Im gut abgeschirmeten Strandbad herrscht Normalbetrieb. Wer die roten Lampione sucht, muss noch ein paar Schritte weiter gehen. Genauer gesagt in die Region, wo seit dem zweiten Weltkrieg Zelte und Wohnmobile die Platzherrschaft übernommen haben.

 

Camping-Typus 1 – 3

Der Campingplatz, gleich neben dem Strandbad Auslikon, ist wie ein kleines Dorf mit direktem See-Anstoss. Und erst noch bezahlbar: 1350.- Franken müssen jene aufwenden, die hier für eine Saison ihren Wohnwagen stationieren. An diesem Wochenende sind hier rund 100 Wohnmobile und etwa 60 Zelte installiert. Darin wohnen Leute aller sozialen Schichten und jeder Altersgruppe. Eine homogene Mischung aus Jugendlichen (Typus 1), Alteingesessenen (Typus 2) und Einzelgängern (Typus 3). Beim Betreten des Geländes macht sich Typus 1 zuerst bemerkbar: Eine Gruppe Jugendlicher versammelt sich im Kreis um eine Feuerstelle. Die meisten von ihnen tragen ein rotes Shirt mit Schweizerkreuz drauf. Die Stimmung ist fröhlich, aber nicht ausgelassen: “Auf den ersten August”, ruft einer in die Runde. Das dumpfe Geräusch von zusammenprallenden Aluminiumdosen ist zu hören. Tell Bier.

 

Ein paar Meter weiter sitzt Edith Schopfer – eine Vertreterin von Typus 2. Die 62-Jährige sitzt auf einem Campingstuhl und verfolgt das fröhliche Treiben aufmerksam aber dennoch entspannt. Nicht immer seien die Jugendlichen so anständig wie diese hier, sagt sie. Auf dem Vordach ihres Campers prangen die Buchstaben: ZZO. Die Abkürzung steht für Zeltklub Zürichsee-Oberland. Wie viele der anderen Dauercampierer ist auch die Familie Schopfer Mitglied dieses Vereins. Das pensionierte Ehepaar Schopfer kehrt jeden April auf den Campingplatz Auslikon zurück und bleibt jeweils bis Oktober – und dies seit 1972. Damit gehören sie definitiv zu den Alteingessenen auf dieser Anlage. Es gebe nur ganz wenige, die vielleicht noch ein bisschen länger hier seien, verkündet Edith Schopfer nicht ohne Stolz. Meistens mit dabei ist auch ihr 39-jähriger Sohnemann, der gerade Ferien hat und sonst im Werkheim Uster arbeitet – einer Stiftung für geistig behinderte Menschen.

 

Mit dem gesamten Hausrat

Die Familie Schopfer besitzt in Uster eine Eigentumswohnung. Die Nähe zum Campingplatz sehen sie als grossen Vorteil. So liessen sich die Ausflüge nach Auslikon spontan planen – je nach Wetterlage. Immer möchten sie nicht hier sein. Das Camperleben könne auch anstrengend sein. Besonders das jährliche Aufstellen der gesamten Einrichtung koste sie im zunehmenden Alter einige Mühe. Ein Blick in das Innere des Wohnwagens bestätigt: Hier befindet sich ein ganzer Hausrat, den die Schopfers Jahr für Jahr an die Ufer des Pfäffikersees transportieren.

 

Weiter oben auf dem Gelände hat sich Markus Schmid eingenistet. Er ist Vertreter des dritten Typus: Einzelgänger. Der 40-jährige verweilt die ganze Saison auf dem Campingplatz. Er wohnt hier mit seinem Hund in einem kleinen Wohnwagen, den er für läppische 200 Franken von einem Bekannten gekauft hatte. Das Vorzelt erinnert ein bisschen an das eines reisenden Nomaden. Ein einfaches Tuch, auf wackligen Stangen montiert. Darunter eine Hängematte, in der es sich Schmid nach der Arbeit und an Wochenenden bequem macht und Bücher liest. Markus Schmid ist Chefkoch und arbeitet in Hurden. Die Wintersaisons verbringt er in einem Bergrestaurant in Zermatt. Er habe sich anfangs Jahr bewusst für diese Wohnform entschieden und er habe es bis jetzt nicht bereut: Er liebe die Unabhängigkeit und Ruhe, sagt Schmid, der sich selbst als “Suchenden” bezeichnet. Schmid ist dreifacher Vater und lebt geschieden: Die Kinder kämen ihn sehr gerne besuchen – “die finden das lässig.” Doch nicht alle hätten Verständnis für seine Lebensart. Einige würden wohl denken, er könne nicht anders – aus finanziellen Gründen. Doch die sollen denken, was sie wollen.

 

Dem Anlagechef Paul Schmidt ist die Vielfältigkeit seiner Camper aufgefallen: “Wir haben hier Handwerker, Professoren und Kiffer.” Der Campingplatz Auslikon sei wie ein Spiegel der Gesellschaft. Mit dem Unterschied, dass auf seiner Anlage immer alles friedlich zu und her gehe. Und am Abend wird noch ein Feuerwerk gezündet. Mit allen gemeinsam.