Kultur | 23.08.2010

Wenn Zürich das Winterthur für Arme ist

In diesen Tagen löst Winterthur Zürich als Kulturhauptstadt des Kantons ab. Die 35. Musikfestwochen sind für viele ein Grund, dem Nachtleben der Limmatstadt für einmal den Rücken zu kehren.
Einer der unverkennbarsten Musiker unserer Zeit: Oliver E. Everett alias Eels. Fotos: PD Düstere Wolken über der Steinberggasse: Black Rebel Motorcycle Club spielen am Samstag in Winterthur. Wuschelkopf mit musikalischem Anspruch: Paolo Nutini. Allzu jung sind sie nicht mehr, dafür einflussreicher denn je: The Young Gods aus Genf.

Im Chargon, der in der RESTschweiz eher ungeliebten Zürcher, wird Winterthur gerne auch “Zürich für Arme” genannt. Bis am kommenden Sonntagabend jedoch, solange die letzten Töne der Abschlussband White Lies verklungen sind, schauen die Limmatstädter für einmal neidisch nach Winterthur.

 

Seit einer Woche ist die Altstadt von Winterthur ein musikalisches Tollhaus. Die Musikfestwochen vom 19. – 29. August sind für die Eulachstädter ungefähr das, was für die Zürcher der Stadtsommer ist: Ein musikalisches Fest, das verteilt in der Stadt auf verschiedenen Bühnen stattfindet und mit seinen zahlreichen Freilichspektakeln so etwas wie ein mediterranes Lebensgefühl erahnen lässt.

 

 

Mit den Migrantinnen und Migranten aus dem Balkan ist auch die Musik aus dem Südosten Europas in die Schweiz und nach Winterthur gekommen. Shantel und sein Orkestar aus Deutschland hat den Nachkommenden den Weg geebnet. Während Shantel noch Wurzeln im Balkan hat, sind die neuen Bands teilweise ohne Migrationshintergrund. Traktorkestar ist eine Band zusammengesetzt aus Tell-Söhnen und spielt diesen Mittwoch in Winterthur. Heute macht der Balkanbeat den Weg zurück. Traktorkestar konnte bereits in Guca in Serbien an einem bekannten Musikfestival teilnehmen.

 

Zeppelin Boys

Das Festival begann mit den Gratisauftritten, die in diesem Jahr Namen wie Gustav, Nouvelle Vague oder Portugal.The Man bereithielten. Letztere bewiesen eindrücklich, dass sie zu den spinnertsten Bands unserer Zeit gehören: Immer wieder durchbrachen gitarrenlastige Feedbackorgien ihre ansonsten recht poppigen Songs, die im Grunde genommen etwa soviel Hitpotenzial wie die Sommerhits der Beach Boys bereithalten. Aber eben – nur im Grunde genommen. Immer wieder driften Portugal.The Man mit ihren knackigen Popsongs in ausgefransten Solis und wilden Moshattacken an, die noch lange in der Steinberggasse nachhallen sollten.

 

Auch ein Blick nach vorne, auf das kostenpflichtige Programm vom Wochenende, lohnt sich: Am Samstag lassen die Musikfestwochen eine musikalische Bombe platzen, die jedem Menschen, der sich nicht am Wort “Indie” stört, das Herz höher schlagen lässt. The Black Box Revelation, Black Rebel Motorcycle Club und Eels spielen am selben Abend und in dieser Reihenfolge. Erstere gelten als junge Aufsteiger, Mittlere als einstige Aufteiger, die danach nie wieder von der Oberfläche verschwanden und an den emotionalen Kleinoden von Mr. E alias Eels kommt ohnehin niemand vorbei. Sein jüngstes Album “Tomorrow Morning” präsentiert einen Künstler, der längst seinen eigenen Stil gefunden hat, aber auch beim elften Studioalbum nicht müde wird, dauernd neue Facetten seiner unerschöpflich scheinenden Kreativität zu entdecken. Kurz: Ein Meisterwerk, das wächst und wächst, je länger man es hört.

 

Frühreifer Nutini

Auch der Abend zuvor bietet Highlights: Eines davon ist Paolo Nutini. Der schottische Liedermacher mit italienischen Wurzeln hat in den letzten Jahren eine beachtliche Entwicklung durchlaufen. Er veränderte sich vom anfänglichen Indie-Teddybären, inklusiv Wuschelkopf und jöh-Effekt, zum ambitionierten Musiker, der auf erfrischende Weise alte Musiktraditionen von Blues, Soul, Gospel bis Folk neu interpretiert. Das beste am 23-jährigen Frauenliebling: Seine unbekümmerte Art und die positive Eigenschaft, sich selber nicht allzu ernst zu nehmen. Auch die Kassen spüren, dass der Italo-Schotte anspricht. Das Konzert am Samstag ist ausverkauft.

 

Auch Musik aus der Schweiz hat nachhaltig geprägt. The Young Gods spielen nicht zum ersten Mal in der Steinberggasse. Die Industrial-Götter aus Genf haben sich seit 1985 weltweiten Respekt erspielt und die Wege für Bands wie White Lies, die gleich im Anschluss spielen, geebnet. Die Auftritte der Young Gods gelten als brachiales Elektrospektakel, meist angereichert mit einer aufwändigen Lichtshow. Ein wahres Schlussfeuerwerk für die 35. Winterthurer Musikfestwochen.

 

 

Verlosung:


Tink.ch verlost ein Meet and Greet mit Trakorkestar. Zur Teilnahme sende Mail mit Name an martin.sturzenegger@tink.ch

 

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