Kultur | 16.08.2010

„Wann bin ich eine richtige Musikerin?“

Text von Fatlume Halili | Bilder von PD
Ob man sie in eine Schublade steckt, ist ihr egal. Das Songschreiben ist für sie gleich aufregend wie Spaghetti kochen und ihrer Meinung nach hat man keine Kontrolle übers Musikmachen. Vor dem Soundcheck traf eine Tink.ch-Reporterin die Basler Künstlerin Anna Aaron.
"Musikmachen wird immer ein Prozess bleiben."
Bild: PD

Anna Aaron steht vor ihrem Keyboard und spielt mit ihren Nägeln. Ich stelle mich kurz vor und frage, ob sie für ein Interview Zeit habe. „Klar. Eigentlich am besten jetzt, da ich nichts zu tun habe und der Soundcheck erst später beginnt“, antwortet sie mit einem netten und eher schüchternen Lächeln. Recht unkompliziert, wie ich finde, und so sitzen wir wenige Minuten später an einem Tisch abseits der Bühne. Auf meine Frage, wie es ihr gehe, antwortet Anna mit einem einfachen „Gut“. Ihre braunen Locken schmeicheln ihrem Gesicht, hinter uns rauscht der Rhein. Die gebürtige Cécile Meyer, 24 Jahre alt, ist mir von Anfang an sympathisch.

 

Anna Aaron ist dein Künstlername. Wie ist es zu diesem Namen gekommen?

Anna Aaron: Warum ich den Künstlernamen Anna Aaron gewählt habe, hat keinen triftigen Grund. Ich wollte schon immer Anna heissen und sah mich selbst als „Anna“. Ausserdem fand ich den Klang der Kombination Anna Aaron schön. Der Künstlername hat weder einen religiösen Hintergrund noch habe ich versucht, auf die Bedeutung des Namens Anna selbst aufmerksam zu machen.

 

Beim Hören deiner Musik fällt allerdings auf, dass biblische Figuren oft darin vorkommen. Wie stehst du denn zur Religion und inwiefern beeinflusst Religion deine Musik?

Was ich sehr interessant finde, ist, das Mystische von Fabeln und Gleichnissen in der Musik aufzugreifen: Man fragt sich immer, was für eine Botschaft ein Popsong übermittelt. Religiöse Mythen haben ja auch eine Botschaft, aber man geht ganz anders damit um. Diese Botschaften sollen in einem völlig anderen Kontext verstanden werden.

Der Grund, warum ich so oft religiöse Themen in meinen Songs behandle: Ich will einerseits mit dem Kontrast und andererseits mit der Ähnlichkeit der Bedeutung spielen.

 

Du studierst Philosophie und Germanistik.

Ich habe mein Studium abgebrochen.

 

Warum hast du dich gerade für diese Studienfächer entschieden?

Ich wollte wissen, was Philosophie ist und habe es dann auch teilweise erfahren. Das Schwierige bei der Philosophie ist, dass gewisse Denkprozesse mit der Zeit ihren Lauf nehmen und man sich so fühlt, als wäre man auf dem Mars gewesen und müsste auf die Erde zurückkehren, um den Menschen hier zu vermitteln, was man dort erlebt hat. Eine Mission Impossible. Oft kann man sich selbst mit Philosophiestudenten nicht austauschen. Germanistik habe ich studiert, weil mich die Literatur interessiert hat.

 

Warum hast du nicht Musik studiert?

Ich mache noch nicht so lange Musik in meinem Leben. Es war auch nicht mein Plan, eine Musikerkarriere anzustreben. Für eine sehr lange Zeit wollte ich mich nicht nur in eine Richtung entwickeln. Alles, was ich über Musik weiss, hat mir mein Klavierlehrer beigebracht. Natürlich lernt man nie aus. Jedoch habe ich das Gefühl, dass ich auf einem Level angelangt bin, das für mich stimmt. Den Rest muss die eigene „Person“ machen, das kann man nicht lernen.

 

Könntest du mir von dem Moment berichten in dem du wusstest, dass Musikmachen das ist, was du dein ganzes Leben lang machen willst?

Bevor ich mit der Solokarriere begann, war ich noch in einer Band. Vor ungefähr sechs Jahren trennte ich mich wegen musikalischen Differenzen von dieser Band. Es ist seltsam, aber manchmal ertappe ich mich selbst bei der Frage: Wann bin ich eigentlich eine richtige Musikerin? Ich glaube das Musikmachen wird immer ein Prozess bleiben. Man hat keine Kontrolle darüber, es ist eine natürliche Entwicklung.

 

 

Was bedeutet das Songschreiben für dich? Ist es eine Art Therapie, in der du deinem Seelenschmerz freien Lauf lassen kannst oder ist das schon wieder ein zu weit verbreitetes Klischee?

Die Möglichkeit, Songs zu schreiben, ergibt sich meist und entweder ergreift man sie oder eben nicht. Es ist sehr schwierig, darüber zu reden, da es ein abstraktes Thema ist. Andererseits empfinde ich das Songschreiben als gar nicht so spannend.

 

Weshalb nicht?

Man setzt sich hin, schreibt ein Lied. Mehr gibt es da nicht zu sagen. Man stellt sich diesen Prozess aufregender vor als er ist. Dabei ist er ungefähr gleich aufregend wie Spaghetti kochen. Ich würde das Songschreiben nicht mystifizieren.

 

In deinen Songs wie auch in deiner Stimme steckt sehr viel Melancholie. Deine Werke werden oft auch als düster oder schwermütig beschrieben. Wie kannst du dir das erklären?

Wenn ich singe, fühle ich mich nicht schwermütig. Ich nehme meine eigene Stimme ja sowieso anders wahr als andere. Dass meine Stimme auf diese Weise wahrgenommen wird, macht mir nichts aus.

 

Stört es dich, in die Singer-/Songwriter-Schublade gesteckt zu werden?

Nein, das stört mich überhaupt nicht.

 

Da bist du aber anders als andere Künstler.

Ehrlich? Es macht keinen Sinn, sich darüber zu nerven, da die Menschen für alles immer Begriffe brauchen. Mich stört das nicht.

 

Gibt es Menschen in deinem Leben, die du besonders verehrst oder die dich auf besondere Weise inspirieren?

Meine Schwester und mein Bruder sind wichtige Menschen für mich. Ohne sie wäre ich nicht ich und würde auch nicht dieselbe Musik machen. Meine Geschwister sind die Menschen, die mich am meisten geprägt und beeinflusst haben, da ich auch am meisten Zeit mit ihnen verbringe. Sie sind zwei besondere Menschen und brillante Musiker.

 

Im Herbst wird dein zweites Album bei „Two Gentlemen Records“ erscheinen, wo auch deine erste EP „I’ll dry your tears little murderer“ herausgekommen ist. Was wird an diesem Album anders sein?

Der grösste Unterschied zu früher ist die Bandzusammensetzung: Ich arbeite jetzt mit ganz anderen Leuten zusammen, die mit ihrer Art das Album mitprägen. Dazu kommt, dass zwei Jahre seit meinen letzten Studioaufnahmen vergangen sind. Diese lange Zeit hinterlässt Spuren. Da wir mitten in den Aufnahmen stecken, kann ich jedoch noch nichts Konkretes sagen.