Gesellschaft | 02.08.2010

Von rauchenden Rollern und Wurstautausch

Text von Matthias Strasser | Bilder von Tink.ch
St.Gallens Berge und Hügel, Würste und Bürli, übereifrige HSG-Studenten und eine gemächliche Busfahrt: Dies sind die Eindrücke eines Berner Tink.ch-Reporters.
Bei der HSG in St.Gallen drehen selbst während den Semesterferien die Studenten in Hemd und Kravatte ihre Runden.
Bild: Tink.ch

Es ist ein Mittwochabend, ich sitze im Zug nach St. Gallen. Ein Freund hat zu “Grill on hill” in St. Gallen eingeladen. Der perfekte Anlass, um die überflüssige Zeit nach bestandener Matura zu verplempern. Und somit Grund genug, den weiten Weg von Bern in den fernen Osten der Schweiz auf sich zu nehmen und sich ins Abenteuer zu stürzen.

 

Die Frau, die mir seit Zürich gegenüber sitzt, erinnert mich an Stephanie Glaser. Das einzige Wort, das sie bisher gesprochen hat, ist “Grüezi”. Die ungewöhnliche Begrüssung lässt in mir Ausländergefühle aufkommen. Bei der Ankunft am Hauptbahnhof in St. Gallen muss ich mir als erstes am Take-Away eine Tasse Kaffee kaufen. Bahn fahren macht bekanntlich müde und mir steht ein langer Abend bevor.

 

Olma-Bratwurst ohne Senf

Als mich meine ortskundige Begleiterin abholt, besuchen wir als erstes den Bahnhofsshop, um einige Grilladen und ein Kasten Bier für die anstehende Grillparty zu besorgen. Um meinen guten Willen zu zeigen, kaufe ich eine Olma-Bratwurst – natürlich ohne Senf, ich bin ja kein Greenhorn und nicht das erste Mal im wilden Osten. Allerdings muss ich auf das sonst obligatorische “Bürli” verzichten. Chips und Popcorn werden später an dessen Stelle ihre Schuldigkeit tun.

 

Wir besteigen einen Bus und ich werde den Eindruck nicht los, der Fahrer wolle mir bei erster Gelegenheit zeigen, dass wir Berner eben doch nicht überdurchschnittlich langsam sind. Meine Fremdenführerin klärt mich bereitwillig darüber auf, dass St. Gallen “halt langgezogen” ist. Die Fahrt verläuft jedenfalls in gemächlichem Tempo und zieht sich tatsächlich in die Länge.

 

Coco Cola, das wie Lakritze schmeckt

In der Wohnung meiner Begleiterin koste ich “Kofola”. Das Getränk sieht aus wie Coca Cola, schmeckt wie Lakritze und wurde der Sage nach von tschechischen Ureinwohnern erfunden. Es schmeckt. Und schon geht’s weiter, diesmal mit dem Roller. Wie zwei Personen, inklusive Taschen, aufblasbarer Matratze und Bier darauf Platz finden sollen, ist mir allerdings schleierhaft. Es sind eben die kleinen Abenteuer, die das Leben spannend machen. Irgendwann sind wir haben wir es dann tatsächlich geschafft und sind unterwegs.

 

“Grill on hill”

Der fahrbare Untersatz knattert wie eine Harley, während wir den Berg erklimmen. Spätestens oben angekommen und vom rauchenden Zweirad steigend begreife ich, weshalb der Anlass “Grill on hill” heisst. Den Roller lassen wir rauchen, es beginnt sowieso bald zu regnen.

 

Die Party, die aufgrund des aufziehenden Gewitters kurzerhand nach drinnen verlegt worden ist, ist in vollem Gange. Ich esse meine Olma-Bratwurst und die St. Galler geniessen Berner Würstchen. Völkerverständigung einmal anders.

 

Nach einer langen Nacht auf weicher Matratze schleiche ich mich morgens klangheimlich aus dem Haus und spaziere talwärts in jene Richtung, in der ich den Bahnhof vermute. Unverhofft treffe ich auf die Bergstation einer Standseilbahn, die ich zusammen mit einem Grossvater und seinen zwei Enkeln betrete. “Isch da aalt?”, fragt der Eine. Der Grossvater antwortet: “Aso s’Loch isch scho alt”. Die Fahrt wage ich trotzdem.

 

Orientierungs- und planlos stolpere ich durch die Gegend und stehe irgendwann vor der Universität. Schubladen-Denken ist einfach und betriebswirtschaftlich sinnvoll. Dieser Eindruck bestätigt sich, als ich auf dem Campus sogar während der Semesterferien Studenten in Hemd und Kravatte antreffe. Diese Uni ist nichts für mich, ich wandere wieder talwärts und besteige den Zug Richtung Rorschach.