Gesellschaft | 23.08.2010

Vom Irrsinn des Krieges

Text von Michael Scheurer | Bilder von Nathalie Kornoski
Wann hört der Irrsinn des Krieges auf? - Eine Herleitung, Standortbestimmung und Suche nach einem Ausweg.
Wann endlich schlagen wir den Weg der gewaltfreien Konfliktlösung ein?
Bild: Nathalie Kornoski

Vor langer Zeit, vielleicht vor einigen tausend Jahren, begannen unsere Vorfahren, die Erde zu besiedeln. Unsere frühen Verwandten lebten in Stammesgesellschaften und kämpften mit oder gegen die Natur ums Überleben. Mit der Zeit jedoch nahmen die Grösse der Stämme und damit auch ihre territorialen Anspruüche zu. Jene territorialen Ausdehnungen führten zwangsläufig zu Konflikten zwischen den verschiedenen Stämmen. Solchen Konflikten begegneten die Menschen mit physischer Gewalt. Sie stellten die ersten Waffen zu dieser vorstaatlichen Epoche her und verwendeten diese in blutig tödlichen Auseinandersetzungen. Die Eliminierung von konkurrenzierenden Individuen war ein geeigneter Weg, um die Eigeninteresse kompromisslos durchzusetzen.

 

Mit der fortschreitenden Entwicklung von Zivilisation produzierten die Menschen effizientere Waffen auf effektive Weise. Die Entwicklung geschah nämlich auf allen Ebenen: Soziale, kulturelle aber auch wirtschaftliche Strukturen veränderten sich. Auch staatsähnliche Strukturen mit definierten territorialen Grenzen wurden gebildet. Die Grenzen definierten sich mal durch ethische, mal durch sprachliche oder kulturelle Zusammengehörigkeitsgefühle. Solche Neudefinierungen bedeuteten jedoch jedes Mal Blut und Krieg.

 

Bis hierhin klingen die beschriebenen Entwicklungen als primitiver aber eigentlich vergangener Teil der Menschheitsgeschichte. Heute, wie wir wissen, werden Morde und erhebliche physische Gewalt in der Schweiz gerichtlich verfolgt und bestraft. Wir streben bei Konflikten friedliche und diplomatische Lösungen an. Unsere Gesellschaft lehnt Gewalt ab. Wir können uns nicht mehr vorstellen, was es bedeutet, in einem Krieg zu stehen, mit anderen Menschen, ja manchmal sogar mit eigenen Freunde, auf sie zu schiessen, Leben auszulöschen und Schicksale zu bestimmen.

 

Deshalb erschrecke ich jeweils, wenn mir bewusst wird, dass sich solche Grausamkeiten gerade zum jetzigen Zeitpunkt im Irak oder Afghanistan abspielen. Dort lassen Soldaten ihr Leben. Junge und gesunde Männer voller Lebensfreude lassen ihr Leben, egal für welche Seite sie auch kämpfen.

 

Leider sind solche Bilder nicht nur ausserhalb unserer Schweizer Grenzen anzutreffen. Auch unsere Rüstungsindustrie beschäftigt Tausende Angestellte in der Herstellung von Kriegsmaterial. Der Staat, das heisst also wir, besitzt, kauft und verkauft für viele Milliarden Schweizer Franken Kriegsmaterial. Und dann frage ich mich, weshalb die Menschheit, weshalb wir Menschen, immer noch dort sind, wo wir angefangen haben: Beim Töten. Warum sind wir nicht weitergekommen? Weshalb investieren wir all die Energie von Kriegen nicht in Visionen und Projekte zur Bekämpfung von Ungerechtigkeit? Stattdessen verschärfen wir diese Ungerechtigkeit mit Gewalt, provozieren abermals Unmut und Hass. Ist es nicht paradox, dass wir Menschen bis ins heutige Zeitalter Kriege führen und gleichzeitig den Weltfrieden propagieren? Dass der Schweizer Staat sowohl in Entwicklungshilfe als auch in milliardenteure Mordmaschinen investiert?

 

Eine relativ simple Antwort auf diese Frage gab der Philosoph Thomas Hobbes schon vor einigen hundert Jahren: Der Mensch sei in seinen Überlegungen vom Eigeninteresse geleitet. Der einzige Grund für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt überhaupt sei eben dieses Eigeninteresse. Das Eigeninteresse definiert Hobbes durch das Interesse jedes einzelnen Menschen an der Erhaltung des eigenen Lebens und der Förderung des eigenen Glücks. Klug ist, wer zukünftige Ereignisse voraussieht vorauszusehen und im Licht des Eigeninteresses beurteilt. Wenn nun jeder Mensch sein Leben erhalten und sein Glück fördern will, dann entstehen unweigerlich Situationen, in denen zwei Menschen dasselbe Gut für sich beanspruchen. In einer solchen Situation wird jeder versuchen, das Gut für sich allein zu ergattern und sich notfalls gewaltsam gegen den anderen durchzusetzten.

 

Dadurch lebt man ständig in der Angst, von einem stärkeren Gegner angegriffen zu werden. Diese unsichere Lage nennt Hobbes als Zustand des Krieges aller gegen alle. Dass ein solcher Zustand nicht erstrebenswert ist, ist klar. ergibt sich aus verschiedenen Einsichten. Um den Zustand der Unsicherheit zu beenden – und nur aus diesem Grund -, ist jeder Mensch bereit, sich zu einer Gesellschaft mit anderen Menschen zusammenzuschliessen. Wenn Friede herrscht, dann muss der Mensch keine Angst um das eigene Glück und keine Furcht vor einem gewaltsamen Tod haben. Der Mensch erkennt, dass er seine Interessen am besten in einem friedlichen Staat verfolgen kann. Da dies für jeden gilt, liegt der Zusammenschluss im Interesse eines jeden.

 

Diese Überlegungen führen wieder zur Frage zurück, weshalb denn dieser Zustand des vollständigen Zusammenschlusses nicht eintritt beziehungsweise bis heute nicht eingetreten ist. Hier zwei Antworten auf diese Frage:

 

Erstens muss und musste der Mensch lernen, vernünftig mit Eigeninteressen umzugehen. Hiermit und deshalb klage ich all jene Personen an, die nicht gelernt haben, die eigenen Interessen zugunsten eines friedlichen globalen Zusammenlebens unterzuordnen, und sich der vorhin beschriebenen Einsicht nicht bekennen wollen. Ich verurteile all jene Organisationen, die sich von Geldern und dem Gedankengut der Waffenindustrie leiten lassen und die Notwendigkeit von Waffen in demokratischen Gesellschaften auf eine subtile und populistische Weise verbreiten und mit scheinlogischen und –demokratischen Argumenten rechtfertigen.

 

Die zweite Antwort: Das Unvermögen der Menschen, globale soziale Zusammenhänge und Zustände zu realisieren und entsprechend als Gemeinschaft in einem angemessenen Zeitrahmen zu reagieren. Gewalt ist die Folge dieses Unvermögens. Denn sie ist, seit es den Menschen gibt, die unmittelbare und intuitive Antwort auf unlösbare Konflikte. Zusammenfassend gesagt ist also auf der einen Seite das Unvermögen des Menschen und auf der anderen ein unbändiges Eigeninteresse für den heutigen Zustand auf der Welt verantwortlich.

 

Beide Faktoren spiegeln sich in der realen Welt auf verschiedenste negative Weisen wieder: Ungerechtigkeit, nationalistische Parteien und Staaten, Konflikte, Kriege, Hunger. Wäre es nicht an der Zeit, dass wenigstens wir als Schweizerbürger einen Schritt weitergehen und den Weg der gewaltfreien Konfliktbewältigung einzuschlagen versuchen? Diesen Weg auch tatsächlich einzuschlagen, dazu hatten wir dank unserer Demokratie mit dem Initiativrecht schon mehrmals die Möglichkeit. Denn keine Waffe ist die beste Waffe. Dieser Satz gilt für alle, die unseren überheblichen Wohlstand nicht mit Waffengewalt verteidigen wollen und müssen, die ein globales und friedliches Zusammenleben als Vision in sich tragen und für diesen Zweck einige Eigeninteressen auch mal wegstecken und sich stattdessen am Leben erfreuen können.