Gesellschaft | 02.08.2010

Verregneter Sunny Beach

Text von Alice Grosjean | Bilder von Alice Grosjean
Ein Ferien- und Partyresort am schwarzen Meer und alles was das junge Herz begehrt. Zu so etwas sagt man ja bekanntlich nicht nein. Und zu einer Suite mit zwei Badezimmern und Panoramablick erst recht nicht. Ferien, die einem den Horizont auf andere Art erweitern.
Der Kapitalismus hat sich auch im Ostblock-Resort breit gemacht. Und doch kostet alles ein bisschen weniger. Nebst Hotelkomplexen... ...hat Bulgarien auch schöne Kirchen zu bieten. Frühmorgendliches Bad mitten auf der Party.
Bild: Alice Grosjean

Eigentlich habe ich mir diese Reise nach Bulgarien ja ziemlich anders vorgestellt und wie ich schliesslich in Sunny Beach gelandet bin, ist eine andere Geschichte. Sunny Beach ist das grösste Ferienresort Bulgariens und befindet sich am Schwarzen Meer in der Nähe der Städte Nessebar und Burgas. Der noch zu Kommunistenzeiten konstruierte Badeort ist im Sommer übervölkert von Touristen, jungen deutschen, holländischen, britischen und skandinavischen Touristen wohlgemerkt, Schweizer sind dort bis anhin noch eine unbekannte Spezies.

 

Rimini ohne Geldsorgen

Hunderte Hotels prägen das Ortsbild, dazwischen Discos an jeder Ecke, Casinos, 24-Stunden-Shops (die Kühlschränke stehen auf den Trottoirs), Strandbars und einfach alles, was man bei uns auf Jahrmärkten findet, nur viel mehr, die ganze Nacht lang geöffnet und deshalb heiss geliebt auf dem nächtlichen Nachhauseweg zum Hotel.

Was Bulgarien dann aber doch von Rimini und Lloret de Mar unterscheidet: die Bulgaren nicken zum Beispiel um Nein zu sagen und schütteln den Kopf um zu bejahen. Der Samstag ist hier der Freitag, will heissen am Freitag wird gross gefeiert, am Samstag dagegen eher ins Kino gegangen und sich erholt. Weil das Land erst 2004 der EU beigetreten ist, wird in Bulgarien immer noch in Lew bezahlt, was uns Touristen wiederum himmlische Preise beschert, den Schweizern sowieso. Ein Discoeintritt kostet umgerechnet etwa 2.50 Euro, eine Riesenschachtel voll frisch gebackener Donouts gleich viel und in den meisten Bars ist sowieso den ganzen Abend lang Happy Hour. Dass man hier noch nicht einmal Geldsorgen zu haben braucht, lässt einen erst so richtig entspannen, das Weit-Weg-Von-Der-Ordentlichen-Schweiz-Gefühl stellt sich ein und lässt einen die Ferien geniessen, wie es sonst wohl nirgends in Europa mehr möglich wäre.

 

Soviel sie trinken, das essen die Bulgaren auch. Das Mittagessen ist die wichtigste Mahlzeit und besteht aus ungefähr vier Gängen. Zu 90 Prozent kommt Poulet-Fleisch in irgendeiner Form auf den Teller und zu 100 Prozent wird ein traditioneller Schopska-Salat zur Vorspeise serviert. Bestehend aus Tomaten, Gurken, Peperoni und einem Feta-ähnlichen Käse, wird dieser köstliche Salat so ziemlich jeden Tag gegessen. So sehr ich Tomaten vorher auch gehasst habe, nach dieser Intensivkur liebe ich sie. Ausserdem kann keine Mahlzeit ohne laufenden Fernseher eingenommen werden, es läuft immer MTV, die Top Ten der Hitparade werden rauf und runter gespielt. Alejandro und Kylie Minogue lassen grüssen. Besteck und Gläser werden meistens nur links gedeckt, als ob alle Bulgaren Linkshänder wären. Sogar die Türen lassen sich manchmal nur nach links öffnen und mit Küsschen geben fangen sie auch auf der anderen Seite an.

 

Feiern bis zum Schluss

In Sunny Beach finden sich viele Möglichkeiten etwas zu unternehmen: Ausflüge ins nächst gelegene Nessebar, dessen Altstadt zum UNESCO-Welt-Kulturerbe gehört, Off-Road Safaris durch Hügel und Gestrüpp an den wunderschönen, naturbelassenen “Herkules-Strand” (wo man noch nackt badende Hippies antrifft), zwei Aqua-Parks und natürlich der Strand mit seinen unzähligen Möglichkeiten. Fängt es aber, wie in unserem Fall, unverhofft für mehrere Tage an zu regnen (was höchst untypisch ist für die Region), so spart man seine Energie eben für die wohl wichtigste Attraktion auf: Das Nachtleben. In einer Disco fiel einmal der Strom aus, ein recht befremdendes Gefühl, so plötzlich inmitten von Menschen ohne Licht und Musik da zu stehen. Bis die holländischen Fussballfans schliesslich anfingen ihre Hymnen zu grölen und die Deutschen natürlich sofort dagegen halten mussten. Das war aber auch kein grösseres Problem, der freudige Partygänger macht sich dann einfach auf den Weg um die nächste Ecke, zum Beispiel zum “Discoclub Lazur”: Ein riesiges Gebilde auf zwei Ebenen, ein noch grösserer Teil unter freiem Himmel mit Wasserrutschbahnen und Pool. Letzterer wirkt auch in regnerischen Morgenstunden noch sehr einladend und hat sich als wirklich hervorragender Wachmacher entpuppt.

 

Und trotzdem, nach fünf Tagen Sunny Beach gerät ein durchschnittlicher Mensch, trotz gezählten Schlafstunden und Power-Napping in extremis, an seine körperlichen Grenzen. Physische und psychische Erholung wird unausweichlich. Ich für meinen Teil bin erst nach einer achtstündigen Fahrt über bulgarische Strassen, durch Millionen von Schlaglöchern, in einem Bus ohne Klimaanlage dazu gekommen. Aber das ist wieder eine andere Geschichte… Noch nie war schlafen so schön.