Sport | 16.08.2010

Sportliches Kraxeln abseits der Wanderwege (Kopie 1)

Text von Fabian Birrer | Bilder von pixelio.de/by-sassi
Alpines Wandern im Zürcher Oberland? Was abwegig klingt, ist abseits der Wanderwege wirklich möglich. Mit einem Gletscherforscher durch die Westwand des Hörnlis.
Voraussetzung ist eine gute Kondition: Beim alpinen Wandern geht es sportlich zu und her.
Bild: pixelio.de/by-sassi

Am Fusse des Hörnli markiert ein Schild den Beginn des Naturschutzgebiets. Es gilt als eines der ursprünglichsten und natürlichsten des Zürcher Oberlands. Wir verlassen hier den offiziellen Wanderweg und folgen dem Flusslauf, ein Trampelpfad lässt erkennen, dass diese Route nicht gänzlich unbenutzt ist. Aber sie wurde nicht gepflegt wie ein Wanderweg: Viele umgestürzte Bäume, teils schon halb wieder zu Erde geworden, liegen quer und fordern zu ersten Kletterpartien.

 

Gletscherforscher Matthias Huss und seine Freundin bewegen sich rasch und geschickt durch das Gelände: Mal am Bach entlang, mal quer über das Bachbett. Matthias Huss ist im Zürcher Oberland aufgewachsen und forscht und unterrichtet unterdessen am geografischen Institut der Uni Fribourg. Schon als Kind war er oft mit der Familie wandern und mit 16 Jahren packte ihn das Bergsteiger-Fieber. Auf der Suche nach “alpinen Touren” vor der Haustüre entdeckte er abgelegene, anspruchsvolle Routen im Zürcher Oberland. Im Gegensatz zu den Alpen, wo es im Winter und Frühling zu kalt für Touren ist, sind diese das ganze Jahr durch machbar. Seit circa vier Jahren ist er auf der Internetplattform hikr.org aktiv und dokumentiert von ihm begangene Routen. Dadurch kam er auch mit Gleichgesinnten in Kontakt, man tauscht Routen und Tipps aus. Das Bergsteigen, zu Mundart auch “Kraxeln” genannt, ist anspruchsvoll und nur für geübte Alpinisten und Berggänger zu empfehlen. Man soll sich davon, dass man nicht im Hochgebirge, sondern “nur” im Zürcher Oberland unter tausend Metern unterwegs ist, keineswegs täuschen lassen. Genau wie in den Alpen drohen hier Absturzgefahr und Steinschlag. Auch für Bergsteiger-Touren im Zürcher Oberland sind Trittsicherheit und ein gutes Auge dafür, welche Äste und Wurzeln halten und welche nicht, Voraussetzung. Gute Bergschuhe sind ebenfalls ein Muss, für schwierigere Routen und im Winter ist ein Pickel sehr nützlich.

 

Die Natur vor der Tür

Mittlerweile sind auf hikr.org gegen 80 Routen im Zürcher Oberland dokumentiert und die neue Sportart erfreut sich wachsender Beliebtheit. Matthias Huss findet es positiv, dass mehr “Leute die Natur direkt vor der Haustüre geniessen, ohne zuerst drei Stunden Auto zu fahren.” Aber das Ökosystem neben den Wegen im Zürcher Oberland ist empfindlich. “Die Leute, welche sich auf solche Touren begehen, zeichnen sich durch eine grosse Naturverbundenheit aus. Sie nehmen Rücksicht auf die Natur und hinterlassen auch keinen Abfall.” Im Winter sollten die Rückzugsgebiete der Tiere, welche sich eben abseits der Wanderwege befinden, respektiert werden. Waren einige Routen anfangs noch sehr wild und anspruchsvoll, sind sie unterdessen durch die öftere Begehung einfacher geworden. Viele Tritte sind nun vorgegeben, tote Äste aus dem Weg geräumt und morsche Griffe ausgerissen worden.

 

Das Gehen im Gelände fühlt sich anders an als auf den gepflegten Wanderwegen, welche man im Oberland gewohnt ist. Statt in die Baumkronen und in die Weite zu schauen, blickt man ständig auf den Boden und weicht Hindernissen aus. Diese Verschiebung des Fokus ist gewöhnungsbedürftig, aber eine willkommene Abwechslung: Man nimmt den Boden auch mit dem Tastsinn wahr und spürt, wie unterschiedlich der Waldboden ist – mal rutschig, mal fest, mal trocken, mal steinig. Ein ausgewaschener Schädel einer Gemse im Bachbett weist darauf hin, dass wir die Zivilisation hinter uns gelassen haben. Die Natur hat uns verschluckt – keine Stromleitungen, keine Häuser, keine menschlichen Artefakte sind in Sicht. Nachdem wir ein paar hundert Meter dem Bachlauf gefolgt sind, gelangen wir an den Sporn. Hier folgt ein steiler Aufstieg, immer dem Grat folgend bis zum Gipfel. Einige Stellen sind sehr exponiert, es geht auf beiden Seiten steil herunter und die Erkenntnis, dass man sich bei einem dummen Sturz wohl fast alle Knochen brechen würde, lässt einen erschaudern. Die Route fordert einiges Geschick und eine gute Trittsicherheit. Öfters rutscht man mit einem Fuss ab und muss sich auf dem anderen Bein stützen und mit den Händen an Wurzeln und Ästen halten. Trotz dieser Zitterpartien kommt man gut voran und schon bald können wir uns im “Gipfelbuch” eintragen, als erste Bergsteiger in der Route seit einem Monat.

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