03.08.2010

Schlaflos am Bodenseecamp

Text von Aglaia Gruber | Bilder von stockvault.net/Pablo
Gelbe Matratzen, bösartige Mücken und eine ungewohnte Kälte erwarten die Teilnehmer im Camp. Nicht gerade der Ort für erholsamen Schlaf.
Eine kurze Nacht mit durstigen Begleitern - das treibt jeden in den Wahnsinn.
Bild: stockvault.net/Pablo

Wie spät es wohl ist? Vielleicht vier oder fünf Uhr morgens? Ich schlafe jedenfalls immer noch nicht. Im Rücken spüre ich die Knie von Dila. Wir haben beschlossen die erste Nacht zusammen in einem Bett zu schlafen, wegen der Eiseskälte und aus Angst vor den Mücken, Käfern, Schnecken, Mäusen, Ameisen und Igeln. Anfangs noch aneinander gekuschelt, mittlerweile in angespannter Krampfhaltung. Der Schlafsack ist eng und verdreht, ich fühle mich wie in einem Kokon. Mit jeder Bewegung wird es enger und unangenehmer. Lieber bleibe ich regungslos und warte darauf, dass es endlich hell wird, während ich dem geräuschvollen Atmen unserer Zeltkumpanin lausche.

 

Was stand nochmal auf der Einpackliste, die uns zugemailt wurde? Warme Kleidung, Gummistiefel, Regenjacke. Doch wer denkt schon bei vierzig Grad Celsius an lange Hosen und Pullis? “Eine lange Hose ist mehr als genug, und den Pulli werden wir sicher nicht brauchen”, sage ich noch Freitagmorgen zu Dila. Doch je näher wir mit dem Auto Richtung Westen kommen, desto kälter und nässer wird es. Gemeinsam mit Matthias und Chris, zwei Workshopleitern aus Wien sind wir auf dem Weg zum Bodenseecamp.

 

Kühler Empfang

Als beinahe erste Teilnehmerinnen, nach Murielle, kommen Dila und ich um Mitternacht an. Kaum steigen wir aus dem Auto, kriecht uns schon die Kälte den Körper hoch. Schnell den einzigen Pulli und Socken von ganz unten aus dem Rucksack kramen und überziehen. Vom Orga-Team gibt es noch kalte Pizza und Gin. Zuerst wollen wir uns jedoch ein Zelt aussuchen. Das Schönste natürlich.

 

Wir gehen zum See, betreten eines der vielen weissen Militärzelte. Die Luft ist feucht und kalt, es riecht nach nassem Gras. Vier Stockbetten und ein Einzelbett in der Mitte stehen auf einem Boden aus Holzbrettern. Die gelbbraunen Matratzen auf den Metallfedern sind voller Haare und kleiner, toter und lebender Tierchen. Dila lässt einen Schrei los, da kriecht eine Nacktschnecke auf einer Matratze.

 

Wir verlassen das Zelt und suchen uns ein anderes, öffnen die Zelttür, eine Welle von Verzweiflung überkommt uns, es sieht genauso aus wie das erste. Vier Stockbetten, ein Einzelbett in der Mitte, gelbbraune Matratzen voller toter und lebender Tierchen, und Haare. Wir bleiben und entscheiden uns für das Bett in der Mitte, so können wir uns wenigstens aneinander kuscheln.

Um drei Uhr, nach zwei Bier und einem Glas Gin Tonic – harte Getränke sind nur diese eine Nacht erlaubt – gehen wir ins Bett. Murielle, eine Schweizerin, begleitet uns. Sie quartiert sich neben uns im Stockbett ein. Vor dem Einschlafen fragt sie uns, ob wir Schnarchen. “Nein, und du?”. “Nein, aber ich atme sehr laut.”

 

Gefangen im Schlafsack

Dila macht sich Ohrstöpsel aus einem Taschentuch, nicht wegen Murielles Atmen, sondern aus Angst, ihr könnte eines der lebenden Tierchen in die Ohren kriechen. Ja, am Anfang finden wir das auch noch alles lustig. Aber mittlerweile ist schon wieder eine weitere schlaflose, verkrampfte, regungslose Stunde mit Dilas Knie in meinem Rücken vergangen. Soll ich mich vielleicht auf ein anderes Bett legen? Dort liegt aber kein Laken und es ist kälter. Ich hab ausserdem keine Kraft mehr, mich zu bewegen, obwohl sich innerlich eine Aggression aufbaut, die immer stärker wird. Ich hätte Lust den Schlafsack zu zerreissen, aufzuspringen und wie verrückt zu schreien. Ich habe aber keine Kraft mehr und eigentlich will ich ja schlafen, also bleibe ich in meinem verdrehten, beengenden Kokon regungslos und still, während ich dem Atmen von Murielle lausche.

 

In weiter Ferne ein Summen. Es kommt näher. Habe ich geschlafen? Jetzt ist das Summen ganz nah an meinem Ohr. Ein Schlag. Au. Stille. Dann ist es wieder da. Au. Au. Au. Es reicht. Eine unaufhaltsame Mordlust überkommt mich. Es reicht. Ich reisse den Schlafsack auf, spring aus dem Bett und renne wild geworden, um mich schlagend herum. Ich will Rache, Rache für meine schlaflose Nacht.

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