Gesellschaft | 03.08.2010

Mäuschen und Hexe

In der Camp-Küche beginnt das Mittagessen um neun Uhr. Auch sonst ist alles etwas lauter und grösser als am heimischen Herd. Die Höflichkeit geht trotz Hektik nicht verloren.
Metallgeschepper, Putzwut und viel Arbeit warten in der Campküche.
Bild: stockvault.net/Oliver Ottner.

Blubbernd sickert heißes Wasser in den Abfluss der Maschine. Kratzen von Metall auf Metall. Der Geruch von brutzelndem Fett liegt in der Luft. Mit einem Zischen entweicht der Dampf aus der gerade geöffneten Abwaschmaschine. Bamm. Klappernd stürzen die Metalltabletts durcheinander.

“Sind jetzt alle wach?” fragt Eva Fuhrmann. Seit drei Jahren arbeitet sie in der Küche des DGB-Camps. Ein lauter Ort.

Spülmaschine, Ofen, Pfannen und klapperndes Geschirr vermischen sich hier zu einer Kakophonie, der nur mit lautem Rufen beizukommen ist. “Wenn wir hier drinnen miteinander reden wollen, müssen wir schreien. Draußen denken dann alle, wir streiten”, sagt Heino Lorbeer, Koch im DGB-Camp.

 

Eva Fuhrman steht lächelnd an der Spüle und säubert eine Pfanne vom Hähnchenfett. Im Sommer arbeite sie hier, erklärt sie, im Winter im Steinbruch eines Kalksteinwerks. Wiegen, verladen und das Werk überwachen, gehören dort zu ihren Pflichten. Hier kocht, rührt und schnippelt sie, schenkt aus und wäscht ab. “Die Eva”, sagt Heino Lorbeer, “die ist unser Edelstein.”

 

Kochen ohne Stress

Ein Team von 13 Leuten arbeitet hier im Wechsel, bis zu 15 Stunden am Tag, um immer pünktlich zu den Essenszeiten hungrige Medienmacher-Mäuler zu stopfen. Knapp 130 sind es in diesem Jahr. “Das geht eigentlich noch,” sagt Eva Fuhrmann, “wir hatten auch schon über 190 Leute.” Stress komme in der Küche eigentlich nie auf, alles sei gut geplant. “Nur vor den Essensausgaben wird es manchmal ein wenig hektisch, bis das Essen draußen ist, dann ist alles wieder gut,” sagt Eva Fuhrmann.

 

Alles wird frisch zubereitet. Gerade schält Sandra Renner Knoblauchzehen, zwischendurch schiebt sie in einer Pfanne, groß genug für einen ausgewachsenen Hecht, Hackfleisch und Soße hin und her, damit es nicht anbrennt. Die Mengen, die am Camp verschlungen werden, sind nicht unerheblich. Allein beim Mittagessen am Sonntag gingen 15 Kilo Teigwaren über die Ausgabetheke. Dazu sieben Kilo Schinken, für die Nudeln mit Schinken, und 800 Gramm Gewürze. Der Salat entsteht aus 14 Köpfen grünem Salat, 7,5 Kilo frischen Tomaten, 3,5 Kilo Gurken und nochmals genau so viele Paprika. 10,5 Kilo Fruchtcreme-Dessert für die Süßmäuler.

 

Die Knoblauchzehen sind inzwischen in der Soße gelandet. Es riecht aromatisch nach Tomatensoße. Sandra Renner würzt. “Heino, probier mal bitte”, ruft sie. Heino Lorbeer probiert und pfeffert noch ein wenig nach, die schwarzen Körner schwimmen auf der Oberfläche bis Sandra Renner sie untermengt.

 

Mittag von neun bis halb fünf

Um ein einziges Essen auf die Beine zu stellen, müssen Eva Fuhrmann und der Rest des Küchenteams ganz schön früh aufstehen. Gesichtet wurde auf dem Weg in die Küche am Sonntag Monika Timm um 5.45 Uhr. Morgens wohlgemerkt. Mit den Mittagessenvorbereitungen schliesslich fangen die Ersten aus dem Team um 9 Uhr an. Zur Frühstückszeit. Fertig mit Abspülen sind sie auch um 16.30 Uhr noch immer nicht. Soeben wandern letzte Tabletts in die Industriespülmaschine, um dort bei siebzig Grad gereinigt zu werden. “Das ist Vorschrift,” erklärt Eva Fuhrmann. Nach der Philosophie in dieser Küche muss alles sauber gemacht und desinfiziert werden. Koch Heino Lorbeer bezeichnet sich selbst als “putzwütig”. Auch Höflichkeit wird groß geschrieben. Bitte und danke sind unumgänglich. “Eva” ruft Heino Lorbeer ans andere Ende der Küche. “Bitte?” kommt die Antwort von Eva Fuhrmann, die gerade Gemüse schneidet.

 

Die Stimmung in der Küche ist locker, man scherzt und agiert als Team. Alle Mitarbeiter haben Spitznamen. Eva Fuhrmann zum Beispiel ist das Mäuschen, Heino Lorbeer die schwarze Seele, Sandra Renner ist die Hexe. Böse gemeint sind die Spitznamen aber nicht, alles nur Spaß. Zwei Mädchen unterbrechen kurz den Arbeitsablauf, wollen Eis kaufen. Eva alias Mäuschen bedient sie freundlich. Dann zurück zur Arbeit, nur noch eineinhalb Stunden bis zum Abendessen, es gibt noch viel zu tun. Eva Fuhrmann trägt die Besteckkästen nach draußen. Metall scheppert.