Gesellschaft | 03.08.2010

Langträumer trifft Frühwach

Wer auf dem Camp-Platz in die Kategorie Nachtschwärmer fällt, wer zu den Früharbeitern gehört und welche Teilnehmer lieber länger im Zelt geblieben wären, davon erzählt dieser Streifzug in den Stunden des Morgengrauens.
Nicht jeder begrüsst den neuen Tag auf dieselbe Weise.
Bild: stockvault.net/Mark Manalaysay

Verlassen steht das Zirkuszelt am Rande des DGB-Zeltplatzes. Bei einem Blick in das Innere fällt neben dem Eingang ein Sofa auf, auf welchem friedlich zwei aneinander gekuschelte Teilnehmer träumen. Eine leere Chipsrolle steht auf dem Boden, unter dem Kickertisch eine umgefallene Bierflasche. Vom Sofa sieht der wach gewordene dunkelhaarige junge Mann auf, winkt verlegen, und dreht sich wieder um. Es ist früher Montagmorgen.

 

Schon vor sechs Uhr beginnt Monika mit der Arbeit in der Küche. “Seit halb fünf bin ich wach, das ist mein Rhythmus, da wache ich immer auf.” Eigentlich ist ihr Dienstbeginn erst um sieben, doch gerne beginnt sie schon früher, um später noch Zeit für eine Kaffeepause zu finden. Klimpernd hebt sie das Geschirr vom Vorabend durch das Thekenfenster. Im Schein des Lichts aus der Küche kann man die Gestalt der 55-Jährigen nur schemenhaft erkennen. Langsam dämmert es.

 

Die meisten Gäste sind um halb sieben noch schlafend hinter Zeltwänden verborgen. Das Grau des Himmels passt zur Einsamkeit auf dem Platz. Noch vor einer Stunde sind die beiden Schweizer Noe und Marko fröhlich am Lagerfeuer gesessen. Die ganze Nacht lang hätten sie schweizer Volkslieder gesungen, erzählt Marko grinsend, wobei die letzten ihrer Begleiter um vier Uhr in die Zelte gegangen seien. “Wir haben das Feuer in Brand gehalten”, sagt Noe, “ohne uns wär’s bestimmt ausgegangen.” Um zwanzig vor sechs gehen sie mit einer Bank an den See hinunter.

 

Noch immer liegt der Bodensee still im Morgendunst. Nur verschwommen sind die Häuser am anderen Ufer zu erkennen. Das erlöschende Feuer knackt und zischt. Eine gespenstische Atmosphäre. Gestört wird diese nur durch die Geräusche von der anderen Seite. Eine Straße jenseits der Bahnlinie führt viel Pendlerverkehr. Motorräder und dumpfe Diesel dringen zum Feuerplatz herüber.

 

Einige unfreiwillige Frühaufsteher begeben sich um kurz vor sieben schlurfenden Ganges und mit gesenkten Köpfen in Richtung Duschpalast. Auch Janosch, der den Reportage-Workshop leitet, ist nicht ausgeschlafen: “Da war so ein schlimmer Schnarcher im Zelt, wie ein Motor. Jetzt bin ich geflüchtet.” Allzu sehr ist Janosch die Müdigkeit nicht anzumerken. Jetzt will er die zusätzlich gewonnene Zeit nutzen, um noch an einem Artikel weiter zu schreiben.

 

Auf der von der Nacht noch feuchten Wiese nahe des Bodensee-Ufers spazieren etwas später die beiden Träumer vom Zirkuszelt-Sofa. Zum Wasser hätten sie gehen wollen, erzählt der dunkelhaarige junge Mann, “aber der See hat so abschreckend auf uns gewirkt, gerade mit den aufziehenden Wolken.” Die Träumerin an seiner Seite wendet sich verlegen ab mit der Begründung, zur Toilette eilen zu müssen. Ob sie Frühschwimmen gehen wollten? “Nee”, beteuert er immer wieder laut lachend und mit ansteigender Lautstärke. “Gar nicht. Wir wollten gucken, ob der See noch da ist.”