Politik | 09.08.2010

„Kultur ist wie ein Güetzi“

Von "einem der grössten Schandflecken Berns" über "ein Kulturzentrum und Begegnungsort für Leute, die sonst keinen Platz in der Schweiz haben" hört man über die Reitschule in Bern so einiges. Was sich Politiker verschiedener Parteien zum Thema Reitschule-Initiative zu sagen haben.
Die Politikerinnen und Politiker diskutieren über die Zukunft der Reithalle.
Bild: Eva Hirschi und Martin Obrist

Anlässlich des viertägigen Kulturfestivals „Die Städtischen Dionysien“ im Kulturhof Köniz organisierte das Jugendparlament Köniz eine Politdiskussion zum Thema „Kulturpolitik Bern“ mit illustren Gästen. Eingeladen waren dazu vier Stadträte Berns sowie der Gemeindepräsident von Köniz. Im Vordergrund stand dabei die Reitschule-Initiative, eine Volksinitiative der Jungen SVP, welche die Schliessung des umstrittenen Kulturzentrum Berns und deren Verkauf an den höchst bietenden Interessenten fordert.

 

Die ehemalige Reitschule wurde in den 80er-Jahren von Jugendlichen besetzt und entwickelte sich zu einem autonomen Kunst- und Begegnungszentrum. Einige Bürgerliche verbinden mit der Reitschule allerdings nur Demonstrationen, Gewalt und Drogen, weshalb sie nun auch deren Schliessung fordern. Seit Jahren finden Gespräche über Sinn und Unsinn der Reitschule statt. Bereits vier Mal konnten die Berner über die Reitschule abstimmen – und hielten bis jetzt jedes Mal zu ihr.

 

„Schandfleck Berns“

Für Erich Hess, Stadtrat der SVP, ist der Fall klar. Die Reitschule sei „einer der grössten Schandflecke Berns.“ Er verbindet sie mit Chaos und Grossdemonstrationen, bei denen die „halbe Stadt kaputt geschlagen“ würde. Es gehe bei der Initiative darum, die Reitschule zu verkaufen und Alternativen zu finden, etwa durch die Errichtung eines Einkaufszentrums, eines Kinos oder eines Hallenbades. Das Haus sei erhaltenswert, allerdings müssten die „Schmierereien“ weg.

 

Lea Bill, Stadträtin der Jungen Alternativen, hält dagegen. Für sie bedeute die Reitschule Kultur. Hier hätten junge Künstler die Möglichkeit, eine Bühne zu finden, ihre Ausstellungen zu präsentieren und sich auszudrücken. Auf die Ausweichmöglichkeit des PROGRs, vorgeschlagen von Bernhard Eicher, jungfreisinniger Politiker und Stadtrat, mischte sich das Publikum ein. Dort gebe es bereits eine etablierte Künstlerszene, junge Künstlerinnen und Künstler hätten keine Chance, sich einzubringen.

 

Brennpunkt Sicherheit

Eicher bringt das Thema auf den Punkt. „Der eigentliche Streitpunkt ist die Sicherheit.“ Zu oft gäbe es Unruhen in der Reitschule, von Schlägereien bis zu angegriffenen Polizisten oder Sanitätsautos, erklärt er. Doch laut Bill seien die Zeiten des Chaos, der Gewalt und des Drogengeschäfts vorbei. Längst habe sich ein interner Sicherheitsdienst etabliert, der für Ruhe sorge.

 

Barbara Streit, Stadträtin EVP, ist grundsätzlich gegen einen Verkauf, jedoch auch „kein Fan“ der Reitschule. Sie sieht die Lösung darin, die mit dem Leistungsvertrag verbundenen Sanktionen wirken zu lassen, sollte es wieder zu Problemen kommen. Unter den Sanktionen wäre zum Beispiel eine Kürzung der Subventionen zu verstehen. Eicher steht dem Ganzen pessimistischer gegenüber. Die Sicherheitsvorschriften helfen nicht. Er fordert, dass die Reitschüler selbst ihre Reitschule erwerben, um so der Öffentlichkeit direkte Verantwortliche gegenüber stellen zu können, statt stets vom „gemeinsamen Kollektiv“ zu sprechen.

 

Güetzi-Vergleich

Laut Erich Hess sei es Unsinn, die Reitschule durch öffentliche Gelder zu subventionieren. Es gäbe genügend andere kulturelle Angebote in Bern. Ausserdem sei Kultur – er berufe sich dabei auf Wikipedia – alles, was der Mensch selber erschaffe. Demnach sei laut Hess gute Kultur jene, die selbsttragend sei, das heisst, sich auch selber finanziere. In einem Vergleich behauptet Hess, Kultur schaffen sei wie „Güetzi backen“. Wenn er ein gutes Güetzi bäckt, dann braucht er auch keine Subventionen vom Staat, denn wenn das Güetzi gut genug sei, lasse es sich selbst finanzieren. Schmunzelnd fügt er hinzu: „Und ich bin ein zu schlechter Politiker, ich kann auch nicht davon leben, ich bin dazu noch Lastwagenfahrer.“

 

Luc Mentha, SP Politiker und Gemeindepräsident von Köniz, musste seine Meinung bezüglich der Reitschule-Initiative ein bisschen zurückhalten, da diese Initiative die Gemeinde Bern betreffe und nicht Köniz. Er stellte jedoch klar: „Unser Land würde veröden, wenn unsere Kultur nicht subventioniert würde.“ Die Gesellschaft solle in Kunst investieren, für ihn heisse Kunst Innovation.

 

5. Abstimmung

Der Moderator Stefan Glantschnig richtet sich an Hess. „Was, wenn die Reitschule-Initiative nun zum 5. Mal abgelehnt wird? Verfällt sie dann nicht zum Spott?“ Hess meint dazu, dass in einer Demokratie schon mal vorkommen könne, dass man „eine Schlacht verliert“, doch es sei wichtig, dass man weiter kämpfe. „Sonst gäbe es ja auch kein Frauenstimmrecht, keinen Mutterschaftsurlaub und kein Tram Bern West“, fügt Eicher hinzu. Bill hingegen geht erst gar nicht davon aus, dass die Initiative angenommen werden könnte, sie wolle sich auch gar keine Gedanken darüber machen.

 

Am 26. September werden wir es wissen. Dann nämlich haben die Stimmbürger Berns die Gelegenheit, ihre Meinung bei der kommunalen Abstimmung Kund zu tun.

 

 


Durchgeführt wurde das viertägige Kulturfestival in Köniz von „das automat“, einem Verein zur Vermittlung und Förderung junger Kunst in Bern: www.das-automat.ch

 

Das Jugendparlament Köniz (JuPa) organisierte für diesen Anlass die politische Diskussion: www.jupa.ch