Sport | 16.08.2010

Junge Herren der Lüfte

Text von Tess Zürcher
Die Rede ist von 4000 Metern Höhe und 50 Sekunden freiem Fall. Keine Achterbahn der Welt könnte dieses Erlebnis in den Schatten stellen. Ein Fallschirmsprung. Tink.ch begleitete zwei Jungs zu ihrem ersten Sprung.
Kurz vor dem Absprung ist die Anspannung zu spüren. Fotos: Tess Zürcher Fliegen wie ein Vogel: Die Aussicht entschädigt für alles.

Mel ist 17 und Philipp 22 Jahre alt. Sie wagen den Sprung aus 4000 Metern über Meer. Die Jungs betreten mit vorsichtigem Gang um neun Uhr früh das Gelände für die Fallschirmspringer beim Aeroporto Locarno. Ihnen wird je ein Begleiter zugewiesen, denn sie werden im Tandem springen. Die erste Aufgabe wird ihnen gleich gestellt: 500 Meter Rennen in zwei Minuten. Was nach einem Fitnesstest klingt, hat eigentlich einen anderen Sinn: Auf diese Weise wird der Kreislauf in Schwung gebracht. Später beim Sprung ist der Körper grossen Strapazen ausgesetzt. Danach folgen Instruktionen betreffend Ablauf, Sitzposition und Verhaltensweisen während dem Flug. Nach gut 45 Minuten kommen die beiden voll ausgerüstet Richtung Flugzeug.

 

Plötzlich geht die Luke auf

Das kleine Pilatus-Flugzeug ist mit zwei Tandemspringern, vier Profifallschirmspringern, der Pilotin und den zwei Passagieren voll besetzt. Es ist eng, heiss, die Anspannung steigt, es werden die letzten Griffe getätigt und die Sicherheitsscharniere noch einmal geprüft. Die Stimmung ist gut, man macht Witze während dem 20-minütigen Aufstieg. “One minute”, erklingt die Stimme der Pilotin auf 4000 Metern. Alle grüssen sich lachend per Fallschirmspringerhandschlag, dann geht die Luke auf. Der Wind bläst kalt in die Kabine, jetzt ist das Herzklopfen der beiden Jungs deutlich sichtbar. Die Profis zuerst, einer nach dem anderen, praktisch ohne Verzögerung und ohne jegliches Wimperzucken. Dann kommen die Tandems nacheinander. Beim Absprung reissen sie den Kopf hoch, niemand schaut runter, auch die Profis nicht.

 

Die Tandems springen aus 4150 Metern, 50 Sekunden lang im freien Fall bis der Profi den Fallschirm zieht. Philipp beschreibt das Gefühl der ersten Sekunde in der Luft: “Es fühlt sich nach der absoluten Leere an. Man kann nicht mehr denken. Es ist ein Gefühl, vom dem man weiss, dass man es nie einordnen können wird. Es ist so einzigartig!” Kaum sind alle draussen, dreht die Pilotin scharf ab und tritt einen spiralförmigen, ungewöhnlich steilen Sinkflug an. Auch die Passagiere bekommen einen Fallschirm. Wohl für den Fall, dass die Luke nicht richtig geschlossen ist, denke ich mir insgeheim.

 

Wieder Boden unter den Füssen

Wir sind noch vor dem letzten Tandem wieder am Boden und ich kann die Reaktionen der beiden Jungs einfangen: “Krass! Grossartig! Phänomenal!” Ich frage Mel am späteren Nachmittag, wie sich der Gleitflug anfühle: “Das Schweben mit dem Fallschirm ist wunderschön. Man sieht die Berge, die Täler, die Wälder, den Lago Maggiore, die Verzasca und die Unendlichkeit des Himmels”, sagt der 17-Jährige begeistert. Einzig etwa 50 Meter über dem Boden löse die bevorstehende Landung etwas Unbehagen aus. Man wisse schliesslich nicht, was einen erwartet.

 

Nach der Landung aber konnten Mel und Philipp es gar nicht richtig fassen, dass sie tatsächlich aus 4150 Metern gesprungen waren. Zwar verschwitzt und fertig, aber total euphorisch und noch voller Glücksgefühle schlurften sie sprachlos Richtung Parkplatz. Die Profis hatten ihnen zuvor ein Diplom ausgehändigt und zum ersten Sprung gratuliert. Beide betrachteten das bedruckte Stück Papier mit Stolz und Freude, konnten aber noch immer keinen Satz gerade formulieren. Erst im Laufe des Nachmittags konnten sie wirklich darüber sprechen und einen Gedanken fassen.

 

Eins wussten sie nach dem Sprung mit Sicherheit: Es war das aufregendste Erlebnis ihres bisherigen Lebens. Diesen 1. August werden sie nie vergessen. Was ich seit der Landung weiss, ist, dass ich nächstes Jahr ebenfalls aus 4000 Metern springen werde.