Gesellschaft | 02.08.2010

Im Soge einer Grossstadt

Eigentlich sollte es nur ein normaler Sprachaufenthalt werden. Doch Paris ist eine Stadt, die ihre Besucher nachhaltig verändert. Unsere Autorin beschreibt ihre persönliche Entwicklung zur echten "Parisienne".
Spaziergang am Canal de l'Ourcq. Fotos: Sara Lisa Schäubli Abenstimmung in Paris: Ausblick aus dem Appartement. Typische Pariser Hektik in der Métrostation Châtelet. Hier gibt es den besten Pfefferminztee der Stadt: La Grande Mosquée de Paris. Wer diese Spezialität nicht kennt, versteht Frankreich nicht: Crêpes.

“Ajoutez deux lettres à  Paris: c’est le Paradis.”

Jules Renard, 1864-1910

 

Tour Eiffel? Arc de Triomphe? Musée du Louvre? Oder vielleicht doch lieber Bassin de la Villette? Grande Mosquée? Parc des Buttes Chaumont? Die letzten drei noch nie gehört? Kein Wunder. Denn erst wenn der Aufenthalt in Paris das verlängerte Wochenende überdauert, fängt die Stadt an zu wirken. Die Türe zu den versteckten Plätzchen öffnet sich. Paris beginnt einen in ihrem ganz eigenen Rhythmus durch die Tage zu tragen. Und diese dauern lange. Es muss an der Atmosphäre der Stadt liegen, dass sich die Müdigkeit hier spät einschaltet.

 

Paris hat 20 Gesichter

Das Umfeld kann sich schlagartig verändern. Von einem morgendlichen Früchte- und Gemüsemarkt mit unzähligen marrokanischen Frauen und Verkäufern, die lauthals ihre Ware anpreisen, gelangt der Fussgänger in wenigen Minuten ins Montmartre-Viertel mit seinen Souvenirläden, die “I love Paris”-T-Shirts und Plastik-Eiffeltürme in allen Formen und Farben verkaufen und zu Reisegruppen aller Nationalitäten, bewaffnet mit dem neusten elektronischen Schnick-Schnack.

Von einem der teuersten Viertel der Stadt, dem St. Germain des Prés, wo ein Quadratmeter im Monat 8’000 Euro Miete kostet und die Strassen mit Chanel, Gucci und Co. gesäumt sind, sind es nur wenige Gehminuten bis ins 13. Arrondissement, wo die Miete zwar tiefer ist, welches aber nicht den besten Ruf bezüglich Sicherheit geniesst. Und wenn jemand nach dem Arc de Triomphe mit seinen Touristenschwärmen die Verlängerung der Champs-Elysées weitergehen sollte, wird er prompt auf der Autobahn N13 landen und somit am Ende der Fussgängerzone.

 

Es ist beeindruckend, wie Paris beim Überschreiten der Grenzen zu einem anderen Arrondissement sein Gesicht verändert. Aber das ist es genau, was Paris ausmacht: Eine facettenreiche Metropole, ein Patchwork, das paradiesisch ist, weil alles darin enthalten ist.

 

Paris und meine Erfahrungen

Aus einer ziemlich schwierigen privaten Lebenssituation kommend fand ich mich nach nur viereinhalb Zugstunden plötzlich in einer Millionenstadt wieder. Ich fühlte mich so verloren. Vom Strom der Menschen getrieben und doch immer alleine. Die Tage waren zu lang, um sie zu füllen und die Nächte gefüllt von wirren Träumen. Das Alleinsein ist etwas, was mich sehr geprägt hat in Paris. Leute kennen zu lernen war schwierig. Die Möglichkeiten, welche diese Stadt zu bieten hat, überforderten mich komplett. Vieles lief anders als zu Hause. In einem einzigen Métrowagen befanden sich so viele verschiedene Nationalitäten wie in der ganzen Stadt Zürich. Nach einem kurzen Besuch in Zürich, wo ich einiges klären konnte, kehrte ich zurück und alles war wie verwandelt. Alleine durch meine Einstellung. Ich freundete mich mit meiner Nachbarin an und die nächsten drei Wochen verbrachten wir jeden Tag zusammen. Mein mündliches Französisch wurde merklich besser. Ich liess Paris mich ganz übernehmen und entwickelte eine zärtliche Liebe dafür.

 

Paris verwandelt

Und so kann dich Paris verwandeln: Die Strassen, welche dir am Anfang fremd waren durchläufst du nun mit Sicherheit und überquerst sie todesmutig, egal ob bei Grün- oder Rotlicht. Deine Gehgeschwindigkeit beträgt 8 km/h oder mehr. Die Touristen mit ihren Rennschuhen und Rucksäcken nerven dich plötzlich sehr. Die Métro ist für dich nicht mehr ein Labyrinth ohne Ausweg. Der Kellner im Café gleich um die Ecke kennt dich mit Vornamen. Dich wundert es nicht, wenn du erfährst, dass Bob Sinclair in der Parallelstrasse deines Appartements wohnt oder Scarlett Johansson dir aus einer Limousine zuwinkt. Du findest es normal, wenn am Montag alles geschlossen ist, denn hier ist Montag der neue Sonntag. Kurz: Die Verhaltensweisen verändern sich. Du wirst “Parisienne”.