Gesellschaft | 31.08.2010

Illusion eines Aupairs

Beim Aupair-Sein kann viel schief laufen: Dass aber so viel daneben geht, dass es die Kolumnistin in England nicht länger als sechs Tage bei einer fremden Familie ausgehalten hat, ist selten. Zum Glück.
Gegen das englische Regenwetter kann man sich zumindest wappnen.
Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Nun gut, zugegeben: Ich mag Kinder nicht besonders. Wenn, dann habe ich sie am liebsten mit einem Sicherheitsabstand von mindestens zehn Metern um mich herum, und natürlich mit zugeklebtem Mund. Doch keiner kann abstreiten, dass Aupair-Sein an einem fernen Ort bei weitem der billigste Weg ist, sich eine Sprache anzueignen. Dieser “ferne Ort” sollte bei mir England sein. Nordengland, um genau zu sein: Der Inbegriff von Kälte, Wind und Regen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen: Es konnte nur schief gehen…

 

Die Familie habe ich auf einer mehr oder weniger dubiosen (natürlich gratis) Internetplattform gefunden, die Koffer sind gepackt. Wobei es das Kofferpacken für vier Monate so auf sich hat: Das Maximalgewicht für beide Koffer zusammen beträgt 30 Kilo. Verzweifelt ziehe ich die Waage zu Rate und wäge von den Schuhen bis hin zur Unterwäsche alles ab. Jedes Kilo Gepäckübergewicht kostet am Flughafen ein halbes Vermögen. Um rund zehn Paar Schuhe leichter und ohne auch nur eine Minute geschlafen zu haben, mache ich mich schliesslich auf den Weg zum Genfer Flughafen.

 

Einige Stunden später am Flughafen Leeds Bradford begrüsst mich eine äusserst korpulente Frau verwirrenderweise mit zwei Küsschen. Im Schlepptau hat sie einen nur mässig süssen Cocker Spaniel, der sogleich meinen Schirm zu besteigen versucht.

 

Angekommen im neuen Zuhause, einem typisch englischen Einfamilienhaus mit dunklen Backsteinmauern, schlägt mir beim Öffnen der Haustüre wortwörtlich tierischer Gestank entgegen. Nebst dem miefenden Vierbeiner besitzt die Lady noch eine besonders aggressive Huhnart, einen Hasen und zwei Goldfische, die mich aus einem Kugelglas mit ihren grossen Kulleraugen hilfeschreiend anzuflehen scheinen. Aufgrund ihrer geselligen Art schliesse ich die beiden Fische sofort ins Herz. Nebenbei erwähnt kann man hier wirklich von “Freilandhühnern” sprechen: Ich wollte schon immer mal von Hühnern aufgeweckt werden, die an meiner Zimmertüre scharren. Wahnsinn, was sich einige Engländer als Weckerersatz einfallen lassen.

 

Doch das grösste Vergnügen erwartet mich erst noch: Todmüde von der Reise und nach meinem Bett lechzend, schlage ich die Bettdecke zurück. Doch, wie könnte es anders sein: Unzählige Hundehaare tummeln sich wie kleine, niedliche Maden auf meiner Matratze. Da hilft auch die vorlaute Art der beiden Mädchen nicht, mich aufzumuntern, die mich ausserdem fast eine Woche lang nötigen, englischen Teenie-Soaps zu schauen. Und auch nicht die Spinne, die sich eines Nachts auf meine Brüste abzuseilen versucht. Doch der Tod naht schnell (für die Spinne) und das Rückflugticket ist (besonders nach dem Geständnis der Gastmutter, die Heizung würde diesen Winter aus Geldmangel nicht bedient) ruckzuck gebucht.

 

Liebe Leserin, lieber Leser, gratis Internetplattformen mögen vielleicht verlockend sein, jedoch sollte man nicht am falschen Ort sparen. Ausserdem lohnt es sich, sich von Anfang an die genaue (!) Adresse der Gastfamilie geben zu lassen, damit man oder frau nicht irgendwo in der Pampa landet, so wie ich. Dann steht einem freudigen Aupairaufenthalt (fast) nichts mehr im Weg.