Gesellschaft | 09.08.2010

Helmfrei in den Kreisel

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser.
In Paris, so dachte ich, bewegt man sich mit der Metro von A nach B, befindet sich doch jeder Ort in Paris nicht weiter als 600 Meter von einer Metrostation entfernt. Doch es gibt in Paris noch ein anderes Verkehrsmittel, das eine ebenbürtige Konkurrenz darstellt: le vélib.
Niemals das letzte Vélo nehmen, das an der Station steht. Irgendwas stimmt sicher nicht damit. Wer Metro fährt, verpasst diese Seite von Paris.
Bild: Seraina Manser.

Überall in Paris sind diese Velostationen anzutreffen. Es stehen Velos in Reih und Glied neben einer Säule. Da ich nicht so ein grosser Metrofan bin und mein Velo aus der Schweiz bereits am ersten Tag vermisse, beschliesse ich sogleich, dieses System auszuprobieren. Man kann ein Velo für einen Tag, für eine Woche oder auch unbeschränkt mieten. Dazu führt man seine Bankkarte ein und wählt das Ticket seiner Wahl, in meinem Fall ein Wochenticket. Zu meinem Erstaunen funktioniert dies mit meiner Karte der St.Galler Kantonalbank einwandfrei. Eine Woche kostet 5 Euro, aber falls man sein Velo innerhalb von 24 Stunden nicht mehr an eine Station zurückbringt, werden dem Konto 150 Euro belastet. Als Vergleich: eine Metrofahrt kostet 1.70 Euro. Der Automat spuckt eine Karte mit einer 10-stelligen Zahl aus und verlangt die Wahl eines persönlichen Codes. Anschliessend entscheidet man sich für ein Velo seiner Wahl und da tappe ich schon in die erste Falle: mein auserwähltes Vélo besitzt einen Platten. Sogleich habe ich meine erste Lektion in Sachen vélib (vélo en libre service) gelernt, es werden noch weitere folgen.

 

Les règles d’or

Es ist kein gutes Zeichen, wenn es nur noch ein einziges Velo an der Station hat. Dann kann man sich nämlich sicher sein, dass das Velo entweder einen Platten besitzt, sich die Sattelhöhe nicht verstellen lässt oder noch schlimmer über einen unsichtbaren Makel verfügt, wie zum Beispiel ein klemmendes Vorderrad. Am besten testet man vor der Auswahl eines Velos die beiden Pneus, guckt ob die Sattelhöhe verstellbar ist, das Körbchen nicht wackelt und das Licht funktioniert.

 

Zudem ist es gemeingefährlich, zur Rushhour auf den Boulevards per Velo unterwegs zu sein. Schnell wird man angehupt oder kriminell überholt. Da alle ohne Helm fahren (C’est pas chic!), ergeben sich da schon mal lebensbedrohliche Situationen. Auf einmal befinde ich mich an einem riesigen Kreisel, die Autos brausen wie wildgewordene Monster vorbei und mir ist schleierhaft, wie ich da heil rüberkommen soll. Zu meinem Glück kommt in diesem Moment ein anderer Velofahrer, den ich aufgrund seiner chicen Kleidung sofort als Pariser einordne, neben mir am Lichtsignal zu stehen. Das Licht springt auf grün und ich hefte mich an des Parisers Fersen beziehungsweise Hinterreifen, so ganz wie in der Skischule und lasse mich passiv über den Kreisel gleiten.

 

Natürlich gerade dann, wenn man es eilig hat, ist die Velostation leer oder die Lämpchen an den Velos leuchten rot auf und lassen sich folglich nicht entfernen. Wenn man sein Velo wieder deponieren will und es gibt keinen freien Platz, kann man das Velo immer noch per Schloss abschliessen, nur darf man dann nicht vergessen, es wieder mitzunehmen.

 

Les avantages

Im Vergleich zur Métro sehe ich auf dem Drahtesel, wie die Strassen aussehen oder ob es bald zu regnen beginnt. Ich kann auch spontan beschliessen, wenn mir eine Gegend gefällt, eine Pause einzulegen. Nach einer gewissen Zeit weiss ich, welche Boulevards freundlich konzipiert sind, d.h. über Velostreifen verfügen. Meist kann man als Velofahrer die Spur benutzen, die sonst nur den Taxis und Bussen vorbehalten ist. Zudem kann ich als Velofahrerin auch noch schnell aufs Trottoir ausweichen, wenn ich mich bedroht fühle. In Paris wird vélib wirklich von allen benutzt, sei es vom gestressten Geschäftsmann oder von der afrikanischen Grossmutter. Kein Wunder sind die doch Velos so designt, dass sie jedem bequem sind. Man spürt den frischen Fahrtwind im Gesicht und tut erst noch etwas für seine Gesundheit. Und meiner Meinung nach bin ich damit beinah so schnell wie mit der Métro. Solange ich nicht mit Stadtplan in der Hand herumkurve, werde ich oft für eine Pariserin gehalten und nicht für eine desorientierte Touristin.

 

Wer es noch eine Spur abenteuerlich will, schnürt sich Inlineskates unter die Füsse und flitzt damit durch die Strassen, natürlich ohne Schoner oder Helm, wie schon gesagt: C’est pas chic.