Gesellschaft | 16.08.2010

“Energie ja, Qualität nein”

Text von Eva Hirschi
Im "San Diego Museum der Kunst" kann man normalerweise in aller Ruhe Gemälde aus der ganzen Welt der letzten Jahrhunderte betrachten. An einem Donnerstagnachmittag wird diese Ruhe allerdings massiv gestört - mit Musik besonderer Art.
Das Instrument ist bei den Museumsbesuchern voll im Trend. Mit der Trommel begleitet Sean Francis Conway die Klänge. Die Bestandteile, aus dem das Ballon-Fagott schnell und einfach gebastelt werden kann. Viel Spass ... für Gross und Klein. Fotos: Eva Hirschi

Ein Mann mit Trommel und Cowboyhut marschiert pfeifend, trommelnd und singend durch die Gänge des Kunstmuseums in San Diego, gefolgt von etwa dreissig Menschen mit eigenartigen, langen Instrumenten. Die Truppe schreitet durch das ganze Museum, die Besucher schauen ihr mit grossen Augen nach. So etwas hat man in diesen Gängen noch nie gesehen.

 

Ballon-Fagott

Sean Francis Conway, der Anführer seiner marschierenden Band, ist gleichzeitig Gründer und Erfinder der speziellen Instrumente, die er “balloon bassoons”, auf Deutsch “Ballon-Fagotte”, nennt. “Im Prinzip ist es eine vereinfachte Form des Saxophons”, erklärt Conway. Bei den Instrumenten handelt es sich um lange Plastikröhren, an deren Ende ein Luftballon befestigt wurde, woran wiederum ein Mundstück angebracht ist. Zieht man das Mundstück in einem rechten Winkel zur Röhre, dehnt sich der Ballon und erzeugt, wenn man hineinbläst, einen Ton, der je nach Anspannung des Ballons in der Tonlage variieren kann. Deutlich einfacher als das Instrument zu erklären, ist seine Herstellung.

Die Fertigung des Instrumentes ist Teil der Veranstaltung. In einem vorgängigen Workshop – ebenfalls im Museum und zwischen Bildern aus der Renaissance – dürfen sich alle Neugierigen am Instrumentenbau beteiligen. Das Interesse ist gross, über dreissig Besucher nehmen am Workshop teil. Ein Vater hilft seinem kleinen Jungen. Ein etwas jüngeres Mädchen hält ihre “balloon bassoon” bereits fest im Arm und quiekt vergnügt “mein Instrument, mein Instrument!”

 

Geräuschvolles Kollektiv

In dieser Musikgruppe ist jeder willkommen. Conways Idee war es, eine Band zu gründen, in welcher all seine Freunde und andere Musikbegeisterte mitmachen konnten, ohne dass diese jedoch musikalische Vorkenntnisse benötigten. “Es musste also etwas simples sein, nicht jeder kann Noten lesen oder ein Instrument spielen. Die ‘balloon bassoons’ sind einfach zu spielen und bereits beim Basteln kann man eine Menge Spass zusammen haben. Ausserdem sind sie kostengünstig”, meint der Teilzeit-Musiklehrer. Dann greift er zum Cowboyhut und seiner Trommel und zieht mit der “bombshell boom boom”-Band los.

 

Tanzende Polizisten

Normalerweise schreiten sie nicht durch Museumsgänge, sondern durch Strassen, Pärke und öffentliche Plätze. Das habe auch schon zu Ärger mit der Polizei geführt, gesteht der experimentelle Musiker. Die Reaktionen sind aber verschieden: In derselben Nacht erlebten sie zuerst, wie eine Gruppe Polizisten sie aufforderte, zu verschwinden. Wenig später jedoch andere Polizisten zu ihrer Musik tanzten. “Die meisten Leute haben Freude an unserem Lärm. Manchmal spendieren sie uns sogar Getränke oder schliessen sich uns spontan an”, erzählt Conway. So auch heute im Kunstmuseum: Kurzerhand improvisiert ein junger Mann und macht seinen grossen Schlüsselbund ebenfalls zum geräuschvollen Instrument.

 

Musikalischer Lärm?

Ob diese ganze Prozedur der Musik zugeschrieben oder doch eher als Lärm bezeichnet wird, entscheidet jeder für sich selbst. Für Conway ist dies jedoch gar nicht wichtig. Das Motto seiner Band lautet schliesslich auch “Energie ja, Qualität nein”. Ihm geht es um das Gemeinschaftsgefühl, um das Spontane, das Ungewöhnliche. Er will die Menschen zum Musizieren bringen: Sie sollen sich durch Töne ausdrücken und Spass haben.

 

Bald zieht es Conway aus dem Museum heraus. Er marschiert durch den, im Balboa Park, gelegenen Skulpturengarten. An einem Werk von Miro vorbei und die bunte Truppe steht musizierend vor der Di Suvero Skulptur. Conway, der die Band dirigiert, lässt sie innehalten. Zum Abschluss wird noch ein bisschen gesungen, heute für Gesundheit und Wohlbefinden. Die Energie und die Freude der Teilnehmenden ist gross. Insgeheim hoffen sie schon auf die nächste “bombshell”-Veranstaltung, die regelmässig in ganz Kalifornien statt finden.