Gesellschaft | 09.08.2010

Ein Märchen wird wahr

Am Anfang stand die Ausschreibung eines Wettbewerbs, am Ende ein Besuch in einer Luxus-Spa-Suite. Unsere Reporterin erzählt von ihrer Erfahrung als Suiten-Sleeperin im Luxus-Hotel.
Suitensleeperin Melanie Pfändler. Fotos: Martin Sturzenegger

Eigentlich hätte ich an jenem Tag für meine Semesterprüfungen büffeln sollen. Doch als mir die Anzeige in der “SonntagsZeitung” ins Auge fiel, rutschte “Methoden der Politikwissenschaft II” auf meiner Prioritätenliste sogleich einen Rang nach unten: “Suiten-SleeperIn gesucht”, stand da in unauffälligen Lettern. Als Studentin bewegt sich mein Budget eher im Bereich Zeltplatz und Jugendherberge als im 4-Sterne-Segment, und so schien mir dieses kleine Inserat verlockender als jede Schlagzeile. Ich scheute also keinen Aufwand und warf mich für meine Bewerbung heftig in Schale: Statt unter meinem richtigen Namen bewarb ich mich als “Prinzessin auf der Erbse” und bat die Wettbewerbs-Jury, mich doch bitte von meiner sagenumwobenen Schlaflosigkeit zu erlösen und in ihre Gemächer einzuladen.

 

Und tatsächlich: Eine Powerpointpräsentation, ein aus YouTube-Schnipseln zusammengebasteltes Gespräch zwischen mir und Trudi Gerster und ein herzerweichendes Bewerbungsfoto (welches ich hiermit ganz offiziell zensiere), vermochte das Montana-Team zu überzeugen. Eine Woche später kam der Anruf. Ich würde mich nicht wundern, wenn Marketingchef Patrick Vogler einen Augenblick lang an seiner Wahl gezweifelt hätte: Während er mir freundlich das weitere Vorgehen erklärte, stammelte ich immerzu  “Danke Danke Danke”, und das etwa fünfzigmal hintereinander.

 

Gute Vorstellungskraft

Am darauf folgenden Wochenende bekam ich jedoch die Chance, diesen ersten Eindruck etwas aufzupolieren. Sämtliche Bewerber waren eingeladen, die Suiten ein erstes Mal zu besichtigen und sich bei einem Apéro in der Lake View Lounge kennenzulernen. Obwohl sich das oberste Hotel-Stockwerk zu diesem Zeitpunkt noch komplett im Umbau befand, sah ich nicht Staub und Rohbeton, sondern eine märchenhafte Zukunft. Die Standseilbahn, die von der Seepromenade ins Hotel Montana führt, mag zwar die kürzeste der Welt sein, doch an dem Tag, an dem ich meine Stelle als Suiten-Sleeperin antrat, kam sie mir unendlich lang vor. Auch meinem Assistenten (unter gewöhnlichen Umständen auch bekannt als mein Freund) war die Vorfreude ins Gesicht geschrieben. Dass er wenige Tage zuvor seinen Geburtstag gefeiert hatte, war natürlich ein glücklicher Zufall – ein schöneres Geschenk hätte ich wohl schwerlich finden können.

 

Doch die Vorfreude sollte noch eine Weile andauern: Das Check-in mussten wir gleich dreimal hintereinander wiederholen. Nicht etwa wegen der Réceptionistin, die meisterte ihre Aufgabe überaus freundlich und souverän, sondern wegen des Kameramanns von Tele 1, der uns bei der Schlüsselübergabe über die Schulter schaute. Dort eine Grossaufnahme, da eine Halbtotale, noch ein Zoom auf den Zimmerschlüssel  – wir kamen uns vor wie paparazzi-bestürmte Celebrities. Die Penthouse Spa Suiten werden allerdings vielmehr einem glamourösen Star als der Cervelatprominenz gerecht. Noch Minuten, nachdem wir die Türe geöffnet hatten, brachten wir kein vollständiges Wort zustande. Völlig überwältigt tappsten wir durch den zweistöckigen Raum, jauchzten im Anblick des Terrassen-Whirlpools und drückten auf sämtlichen Lichtschaltern herum. Der Kameramann verschonte die Nachwelt glücklicherweise vor diesem Anblick und liess uns die Szene noch einmal nachspielen. Auch beim zweiten Rundgang kamen uns die Ah’s und Oh’s ganz ungezwungen über die Lippen.

 

Essen auf Kosten des Hauses

Erst beim Abendessen konnten wir uns langsam von diesem Freudentaumel erholen. Im Scala-Saal genossen wir die bezaubernde Aussicht und stiessen mit einem Glas Wein auf unseren ersten Arbeitstag an. Grosszügigerweise waren sämtliche Mahlzeiten in meinem Honorar inbegriffen. In den darauf folgenden Tagen assen wir uns einmal quer durch die Speisekarte und kamen zum Schluss, dass sich der Chefkoch jeden einzelnen seiner geschätzten 20 Gault Millau Punkte redlich verdient hat.

 

Den nächsten Morgen hätten wir am liebsten im Bett verbracht, doch der Alltag einer Suiten-Sleeperin ist schliesslich kein Zuckerschlecken. Pünktlich um acht wurden wir vom Kamerateam aus den Federn geholt, um mit authentisch-zerzausten Haaren ein erstes Interview zu geben. So schwärmten wir vom “ausgeklügelten Lichtkonzept”, “von raffinierten Duftkompositionen” und freuten uns heimlich aufs Frühstücksbuffet. Dafür blieb allerdings kaum Zeit: Noch am selben Morgen war eine grosse Pressekonferenz angesagt (Da soll mal einer sagen, ein solcher Suiten-Test sei keine harte Arbeit!). Doch die Götter waren uns freundlich gestimmt und belohnten uns noch am selben Nachmittag mit einem Sieg der Schweizer Fussball-Nati gegen die Spanier. Public Viewing ist ja ganz nett, doch gegen den suiten-eigenen Flachbildfernseher hatten wir auch nichts einzuwenden.

 

Das nennt man Arbeiten…

Am nächsten Tag hatte sich der Medienrummel gelegt und so beschlossen wir schweren Herzens, unserer Suite den Rücken zu kehren, und uns in die Realität hinauszuwagen. Das Montana-Team spendierte uns jeden Tag eine einzigartiges Erlebnis. Als erstes stand eine 1. Klass-Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee und ein Ausflug auf den Luzerner Hausberg auf dem Programm. Einzige Bedingung: Das Montana-Entchen dürfe nicht von unserer Seite weichen. So entführten wir das quietschgelbe Maskottchen mit der steilsten Zahnradbahn der Welt auf den Pilatus und schossen fleissig Erinnerungsfotos. Doch das Entchen konnte einfach nicht genug kriegen und so begleiteten wir es am folgenden Tag ins Verkehrshaus und auf Savannen-Safari im 3D-Kino.

Zurück im Hotel setzten wir uns mit Marketing-Chef Patrick Vogler in die Hazy Lounge und zogen bei einem Glas Martini Bilanz. Neben ausgiebigen Schwärmereien hatten wir auch ein paar Kritikpunkte anzubringen und machten das Team auf die Kinderkrankheiten der neuen Suiten aufmerksam, damit diese noch vor der offiziellen Eröffnung kuriert werden konnten. Wo es genau kränkelte? Das fällt selbstverständlich unters Berufsgeheimnis.

 

100 Jahre Begeisterung

Im Nachhinein ist schwer zu sagen, was der Höhepunkt unseres Aufenthalts war: Das nächtliche Bad im Whirlpool mit Blick auf die Lichter Luzerns? Die Jam-Session in der Louis-Bar? Oder der kurze Moment nach dem Aufwachen, wenn man feststellt, wo man sich befindet? Was uns wohl am eindrücklichsten in Erinnerung bleiben wird, ist die Atmosphäre, die im Montana herrscht. Vom ersten Moment an fühlten wir uns so wohl, als seien wir nicht ein Gast oder ein 3-Tage-Mitarbeiter, sondern zwei Freunde, die man fröhlich willkommen heisst. Trotz seiner erstklassigen Positionierung im internationalen Hotelmarkt verströmt das Montana eine Wärme, die ich selten so erlebt habe. Die 100 Jahre Begeisterung, die sich das Hotel zum Jubiläum auf die Fahnen geschrieben hat, sind nicht aufgesetzt oder gekünstelt, sondern so ehrlich wie der kräftige Händedruck von Direktor Fritz Erni, wenn er sich nach unserem Wohlbefinden erkundigte. Wir waren von der Zeit im Montana so gerührt, dass wir uns spontan versprochen haben, einmal unsere Verlobung hier zu feiern – sollte es denn eines Tages so weit kommen. Doch ich würde behaupten, mit diesem Geburtstagsgeschenk habe ich einen ganz schönen Trumpf im Ärmel.

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