Kultur | 31.08.2010

Die Stadt der Liebe im Grössenwahn

Zur gleichen Zeit wie in Zürich pilgerten auch in Paris Scharen von Festivalbesuchern zum grössten Freiluftspektakel des Sommers. Das "Rock en Seine" war eine Anhäufung von Superlativen.
Warten auf das nächste Spektakel vor der Grande Scène. Fotos: Stefanie Pfändler The Kooks als erstes Line-Up-Highlight am Freitag. Hübsches und Verrücktes auf dem Festivalgelände. Massive Attack: Zahlen zum Nachdenken und Musik zum Sterben.

Gut gekleidete Franzosen, schrille Modesünder und ein paar selige Alkoholleichen bevölkerten am Wochenende das riesige Gelände Saint-Cloud im Südwesten von Paris. 105-˜000 Besucher feierten drei Tage lang am Rock en Seine, das sich seit 2003 zu einem der grössen Festivals Europas aufgerappelt hat. Die Organisatoren hatten zwischen Skulpturen und Kaskaden aus dem 17. Jahrhundert drei monströse Bühnen aufgestellt, vor denen jeweils zehn-, zwanzig- und dreissigtausend Menschen Platz fanden. Und diese kamen voller Begeisterung und in Scharen, denn die Namen der Bands versprachen vieles und lieferten schliesslich noch mehr. Das Rock en Seine war eine Aneinanderreihung von musikalischen Sensationen und Meisterleistungen.

 

Massives aus Bristol

Zu den meisten Bands braucht man gar nicht viel zu sagen, denn die Namen sprechen längst für sich: The Kooks, Black Rebel Motorcycle Club und sogar Blink 182 boten wie gewohnt hervorragende Shows, was nicht nach Fliessband klingen soll, sondern vielmehr das hervorragende Line-up des Rock en Seine beweist. Auch LCD Soundsystem, Queens of the Stone Age und die Eels begeisterten die Menge völlig mühelos. Als am Samstagabend jedoch Massive Attack die Grande Scène betrat, war innert Sekunden alles Bisherige vergessen. Die Jungs aus Bristol, die das Trip-Hop-Genre seit zwei Jahrzehnten souverän beherrschen, jagten die Beats auf eine Weise durch die Nacht, die nicht anders als mit dem wunderbar passenden Wort „massiv“ beschrieben werden sollte. Von der ersten bis zur letzten Sekunde lieferten sie Musik auf höchstem Niveau, anspruchsvoll, politisch und einfach nur hervorragend. Im Hintergrund projizierten die Engländer traditionsgemäss und kommentarlos Zahlen, die zeigten, dass da ein paar Männer denkend durchs Leben gehen: Liter Öl, die derzeit im Golf von Mexiko schwimmen, Pro-Kopf-Einkommen von Israel, Palästina und den USA, Kindersterblichkeiten und verbrauchte Liter Wasser für allerlei Tätigkeiten begleiten die monströse Show, wie sie der durchschnittliche Festivalbesucher auch ohne Drogeneinfluss vermutlich nur einmal pro Jahrzehnt erlebt.

 

Enttäuschendes aus Glasgow

Als enttäuschender Kontrastpunkt zum unanfechtbaren Highlight von Massive Attack säuselte der vielumschwärmte Paolo Nutini seine Songs am Samstagabend etwas gar lasch vor der Bühne. Zwar präsentierte er mit einer Ausnahme („Jenny don’t be hasty“) ausschliesslich Lieder seiner neuen Platte „Sunny Side Up“, die ja nun wirklich ein grosser Sprung in Nutinis musikalische Eigenständigkeit ist, allerdings schien dieser auf der Bühne weniger mit Musik als mit seinem eigenen Aussehen beschäftigt. Das junge Publikum kreischte und Paolo strich sich pausenlos mit frivoler Gestik seine bewusst zu lange Mähne aus den Augen. Ob die Kamera dabei seinen Blick suchte, oder er die Kamera, wird wohl sein Geheimnis bleiben, sobald sie jedoch etwas weiter weg zoomte, war unschwer zu erkennen, dass das Gitarrenspiel des Schotten bloss ein optischer Gag war. Schade drum.

 

Brüste für Bierbäuche

Bedeutend mehr Euphorie ist dafür angesichts der Darbietungen im Bereich des Folk angebracht: Am Sonntag konnte sich das Publikum zuerst bei einem wunderbaren Auftritt von Beirut warm schwingen, bei welchem der Amerikaner Zach Condon zusammen mit einer motivierten Band orchestralen Balkansound vom Feinsten präsentierte. Doch so richtig los gings erst danach: Auf die kleinere Bühne trat mit Fat Freddy’s Drop ein neuseeländischer Geheimtipp, der den begeisterten Besuchern wohl noch lange in den Knochen stecken wird. Die sieben Männer aus Wellington machen Musik, die am ehesten an Reggae erinnert, doch ein solches Label wäre verheerend eindimensional für das, was da auf der Bühne geboten wird. Die Stimme von Joe Dukie trägt den Sound der Band direkt ins Blut und die Freude der Jungs an dem, was sie tun, überträgt sich wie von selbst auf das Volk vor der Bühne. Schnell wird klar, dass hier sieben Freunde auf der Bühne stehen, die in erster Linie einfach nur sehr viel Unfug im Kopf haben. Der korpulente Hopepa etwa betritt die Bühne in souvrän schlechtem Stil: von Kopf bis Fuss in einen weissen Anzug geschnürt bläst er lustvoll in seine Posaune – und lässt nach dem ersten Lied die Hosen fallen. Trotz Bierbäuchen – oder vielleicht auch deswegen – war Fat Freddy’s Drop die einzige Band, die den Mädchen scharenweise die Shirts vom Leibe riss. Begeistert sassen sie auf den Schultern ihrer männlichen Begleiter und zeigen der Kamera ihre Brüste, strahlten um die Wette und schwangen die Hüften zu dieser Musik, die einfach nur gut ist.

 

Öko-Klos und sauberes Gelände

Das Rock en Seine blickt auf sieben Jahre Festivalerfahrung zurück und seine Veranstalter haben sich in dieser Zeit nicht lumpen lassen. Sie haben gelernt, optimiert, und trotz der jährlich massiv wachsenden Besucherzahl ist das Festival bestens organisiert, aufgeräumt und durchdacht. Die Ökoklos aus Karton und Holz sind bedeutend hygienischer als herkömmliche Toitoi-WC’s und auf den Zeltplatz darf der sparsame Besucher ausser Glasflaschen auch gerne den halben Supermarkt mitnehmen. Das beschert dem Festival nicht weniger Umsatz, sondern in erster Linie einen ertragreichen Sympathiebonus. Die riesigen Besucherströme werden unmerklich und geschickt übers Gelände geleitet, die Stände sind schlau konzipiert und intuitiv zu finden. Nach fünf Minuten auf dem Gelände fühlt man sich wie in Mamas Küche, wo alles seinen unangefochtenen Platz hat und man selbst um vier Uhr morgens die Lieblingstasse innert Sekunden wiederfindet. Eines ist besonders bemerkenswert: Selbst wenn die Musik abends ins Elektronisch-Psychedelische abdriftet (besonders erinnerungswürdig: Deadmau5 und Underworld), scheint trotz Bier und anderem niemand allzu verloren auf dem riesigen Gelände herumzuirren. Und wenn doch, dann stehen sofort Sanitäter, Sicherheitspersonal oder eine halbe Putzequippe bereit. Das nervt nicht, sondern ist einfach nur nützlich.

 

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