Kultur | 09.08.2010

Die AC/DC des Raps?

Text von Amadis Brugnoni
Joël, Tobi und Stefan heissen die drei Jungs von Brandhärd. Vor etwas mehr als einem Monat ist das Rap-Trio mit ihrem Album "Black Box" auf Platz elf in die Schweizer Albumcharts eingestiegen. Vor zwei Wochen präsentierten sie ihr neues Werk live auf dem Floss in Basel. Kurz davor hatte ich die Möglichkeit, mit ihnen über das Altern, über die Musikszene und über Chartplatzierungen zu plaudern.
Laut Brandhärd hat das Internet die Musikszene in den letzten 13 Jahren am stärksten beeinflusst. Das Rap-Trio stellte auf dem Floss ihr neues Album "Black Box" vor. Ein Brennender Schwan prangte während des Titelsongs "Black Box" auf dem Floss.

Ihr Terminplan ist vollgepackt: Zwischen Soundcheck und Abendessen hangeln sich die drei Jungs von Brandhärd von Interview zu Interview. Ein wenig Zeit konnten sie auch für mich entbehren. Und da sitzen die drei nun vor mir. Auf ihrer Homepage schreiben sie von “erwachsener geworden”, “langsam wird es seriöser” und dem “Ernst des Lebens”. Keiner der drei kommt jedoch den Versprechungen nach. Vor mir sitzen drei Männer, deren Seele noch im Studium hängen geblieben ist und deren Energie und musikalischer Eifer in den letzten zehn Jahren keineswegs abgenommen hat.

 

Die Charakter der drei ist schon fast klischeehaft: Joël (der MC) redet wie ein Wasserfall. Tobi (der DJ) verschafft sich durch seine Grösse Respekt und kann dadurch Joëls Redefluss durchbrechen. Stefan (der Beatbastler) kommt gar nicht wirklich zu Wort und kämpft vergeblich gegen Joëls Sprachwellen an. Trotzdem sieht man klar: da sitzen nicht nur drei Typen, die sich ein Mal in der Woche zum Musizieren treffen. Da sitzen drei Typen, die wirklich gute Freunde sind und zu dritt schon durch dick und dünn gegangen sind.

 

Seit 13 Jahren macht ihr nun gemeinsam Musik. Was hat sich in diesen 13 Jahren in der Musikszene verändert?

Tobi: Das Internet!

 

Das Internet?

Tobi: Ja, ich behaupte mal, das war eine der grössten Veränderungen.

 

Und Du denkst, das Internet hat die Musik verändert?

Tobi: Ich denke schon. Vor allem der Zugang zur Musik hat sich enorm verändert.

Joël: Mit dem Internet erreicht man heute Hunderte oder Tausende von Menschen mit einem Schlag. Teilweise ist das gut, teilweise weniger gut, denn die Musiker trauen sich teilweise viel zu früh ins Internet.

Tobi: Auch die ganze Technologie hat sich verändert. Vor zehn Jahren hätte ich mir gewünscht, ich könnte die Texte von Joël schnell aufnehmen und direkt in Scratches einbauen.

 

Aber habt ihr denn das Gefühl, dass die Musik dadurch auch schlechter geworden ist, durch die einfach bedienbare Technik viele Leute irgendetwas schnell zusammenbasteln?

Stefan: Dadurch, dass die Technik früher komplizierter war, gab es automatisch eine Qualitätskontrolle. Man musste für eine Platte immer viel Geld investieren und hat somit nicht irgendwas veröffentlicht, hinter dem man nicht voll und ganz steht. Jeder, der heutzutage einen Computer besitzt, kann nun seine Lieder online stellen und jeder kann diese Lieder anhören. Aus diesem Grund ist diese Qualitätskontrolle schwieriger geworden. Einerseits sind gewisse Produkte schlecht, da sie noch ganz frisch sind, andererseits hat man nun die Möglichkeit auch viel mehr gute Songs zu hören.

Tobi: Es ist schwieriger geworden, den guten grossen Fisch im Ozean zu finden und als Künstler ist es auch schwieriger, gefunden zu werden. Wenn man sich zum Beispiel durch diverse Myspace-Profile klickt und immer mal wieder zwanzig Sekunden in einzelne Songs reinhört, dann gibt man sich automatisch weniger Mühe, den Song richtig anzuhören. Bei einem fertigen Produkt ist das nicht so. Man verpasst vieles durch das schnelle Reinhören in die Songs…

Joël: …und durch die schlechte Qualität von Computerboxen. Heutzutage investieren professionelle Musiker viel Geld, um eine geile CD zu machen und am Ende wird die CD in minderwertiger MP3-Qualität auf dem Handy gehört.

 

Und wie habt ihr euch verändert?

Joël: Wir sind keine Studenten mehr, sondern alle berufstätig, und haben deshalb vollere Terminpläne. Aber im Grossen und Ganzen haben wir keine riesigen Veränderungen durchgemacht. Also wenn wir drei zusammen unterwegs sind, dann ist es immer dasselbe.

 

Durchs Band beständig?

Joël: Ich finde schon.

 

Man kann sich also auf euch verlassen?

Joël: Das würde ich schon behaupten. Die AC/DC des Raps.

 

Auf eurer Homepage schreibt ihr, Brandhärd wäre erwachsen geworden. Eure Musik wäre erwachsen geworden. Kann Hip-Hop denn erwachsen werden?

Joël: Ja, Hip-Hop ist vor kurzem dreissig geworden und ist somit schon länger erwachsen. Es kommt natürlich auf die Ausprägung oder Strömung an, aber Jay-Z zum Beispiel macht auch erwachsenen Rap und hat trotzdem die Jugendlichkeit und Fresh-heit bewahrt.

 

Das heisst, Hip-Hop bleibt trotzdem eine jugendliche Musik?

Joël: Klar, Hip-Hop bleibt immer eine Jugendkultur. Man kann ja auch erwachsene Musik machen, die fresh daher kommt und junge Menschen anspricht. Wir machen immer noch freche Lieder, aber nicht nur.

 

Ihr verlagert also Prioritäten?

Joël: Ja, das passiert völlig automatisch und unbewusst.

 

Kehren wir doch zum Thema Internet zurück. Findet ihr, dass die Internettauschbörsen die Musikindustrie kaputt macht?

Tobi: Ich glaube, das ganze Internet hat die Wertschätzung der Musik zerstört. Die Musik ist nun etwas, das man gratis holen kann. Man findet alles im Internet und die Blöden zahlen noch dafür – irgendwo fehlt da die Wertschätzung. Musik ist einfach ein Allgemeingut: Da gibt’s so Leute, die machen was, aber uns ist es Wurst, wie viel Zeit die investieren, wir holen es uns einfach mal auf den iPod.

Joël: Ich finde es zwiespältig: Auf der einen Seite erreicht man über die Internettauschbörsen viele Menschen, die deine CD nicht kaufen würden. Sie laden aber deine Musik herunter, um einfach mal reinzuhören. Es hat also durchaus positive Effekte. Nur solange es keine Alternativen gibt, mit Musik Geld zu verdienen, ohne dass man Tonträger verkauft, sind wir davon abhängig möglichst viele CDs zu verkaufen. Gerade als kleine Schweizer Band. Wenn jemand unser Album herunterlädt und nicht kauft, dann ist das für uns ein Verkauf, der bei der Chartplatzierung fehlt. Wir sind auf Platz 11 eingestiegen und uns hat eine einzige verkaufte CD für Platz 10 gefehlt. Die Booking-Agents, welche die Bands für Konzerte buchen, schauen oft auf die Chartplatzierung. Genau so die Medien: hat jemand Erfolg, schreiben sie sich gegenseitig ab und dann gibt’s diese Aufwärtsspirale, dann gibt’s diesen Hype. Und das wiederum bedeutet mehr Aufmerksamkeit, mehr Konzerte und dann kommt dieser Kreislauf ins Rollen. Aber wenn alle deine Musik herunterladen und du nicht in den Charts landest, dann gehst du unter.

 

Aber möchtet ihr denn Geld mit Brandhärd verdienen?

Tobi: Wir haben ein Studio, das wir finanzieren möchten, und wir sind froh, wenn wir unsere laufenden Kosten durch unsere Musik finanzieren können.

Stefan: Wenn wir wirklich Geld verdienen wollen und die Zeit, die wir bis jetzt in Musik investiert haben, an der Migros-Kasse gearbeitet hätten, dann hätten wir das Zehn- bis Dreissigfache verdient.

Alle: Es hätte einfach viel weniger Spass gemacht!

 

Ihr habt doch eine relativ hohe Chartplatzierung erreichen können. Würdet ihr euch denn als Mainstream bezeichnen?

Joël: Also ich bin zumindest an einem Punkt angekommen, an dem ich diesen Begriff nicht als Beleidigung ansehe sondern als Kompliment. Stefan macht seine melancholischen Beats und ich mach meine eigenen Texte, die aus meinem eigenen Leben erzählen und sehr authentisch sind. Und genau das spricht die Zuhörer an – und zwar nicht nur diejenigen aus der Rap-Szene. Wir kommen einfach authentisch rüber und geben uns so, wie wir sind und das war von Anfang an so. Auf der anderen Seite sind wir nicht so massentauglich, dass wir im Radio DRS3 oder Basilisk gespielt werden. Für das sind unsere Beats doch wieder zu rauh. Wir sind also eher so ein Zwischending – wir kommen aus der Rapszene und bewegen uns in der Rapszene und sind immer noch Rap-Fans und Rap-Heads.

 

Ein weiterer Punkt ist für die Jungs von Brandhärd auf jeden Fall klar: Schluss mit Brandhärd ist noch lange nicht. Die nächste CD kommt bald. Joël meint dazu: “Wenn es soweit ist, ist es wieder soweit!”

 

Brandhärds Lieblingmusik:

Stefan: The Roots – “How I got over” (Jahr 2010)

Tobi: Menahan Street Band – “Make the Road by Walking” (Jahr 2008)

Joël: Charlotte Gainsbourg – “IRM” (Jahr 2009)

Titeltipp: “Le Chat Du Café Des Artistes”

 

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