Gesellschaft | 03.08.2010

Das Apple-Phänomen

«Ladies first" stand gross auf dem Plakat, welches für das neue iPhone wirbt. Damit wurden die Frauen privilegiert, das neue Schmuckstück am letzten Freitag ab sechs Uhr morgens im Globus kaufen zu können - vor den Männern.
Für dieses Ding stand so mancher Apple-Liebhaber mitten in der Nacht auf.
Bild: Nando Bosshart Die Tink.ch-Reporterin verhalf dem iVerehrer zur Nummer Zehn in der Warteschlange. Nicht jeder in der langen Reihe durfte sich zu den Glücklichen zählen - erhältlich waren nämlich nur 70 Stück.

Um fünf Uhr stehe ich auf, nehme den ersten Bus in die Stadt und bin gespannt darauf, was ich vor dem Ladentor erblicken werde. Eine ganze Reihe Menschen steht vor dem Globus und wartet, bis sie endlich ihr neues Spielzeug in Empfang nehmen kann. Schmunzelnd stelle ich mich zu Nando, der mich am Tag davor gebeten hat, für ihn sein iPhone zu ergattern.

 

Anstehen fürs App-Wunder

Rund siebzig Leute stehen an, zur Hälfte sind es Männer im mittleren Alter, die eine Frau verpflichten konnten. Es ist fraglich, wer hier diskriminiert wird. Sind es die Männer, die nicht ohne ihre Frauen ein iPhone kaufen können oder sind es die Frauen, die ihren Männern zu liebe früh morgens aufstehen mussten? Auf Fragen reagieren beide Geschlechter sichtlich genervt. Fasziniert von der Menge der angereisten Menschen fotografiere ich die Kolonne mit meinem jährigen Sony Ericsson 610i. Prompt hält mir ein Radiomacher sein Mikrofon vors Gesicht und erkundigt sich, für wen ich denn das iPhone hole. Für Nando natürlich, der gleich auch eine Frage beantworten darf: “Welches ist ihr Lieblingsapp?” Eine Frage, die mich bereits überfordert hätte.

 

Der Sicherheitsmensch öffnet die Tür und lässt die ersten vier Paare eintreten. Während Angestellte Kaffee und Gipfeli verteilen, weckt Petrus die müden Gesichter mit seinem nassen Gut. Der Strassenputzer lässt es sich nicht nehmen, mit seinem orangen Gefährt durch die Reihe der Wartenden zu fahren, die sich bemühen, ihren Platz nicht zu verlieren. Ich frage mich ernsthaft, was all die Leute dazu treibt, mehrere Stunden in der Schlange zu stehen. Noch erstaunlicher finde ich den Gehorsam. Niemand zieht es in Erwägung, das Sicherheitspersonal zu überrennen oder auch nur vorzudrängeln. Ein urmenschlicher Instinkt ist das ja wohl nicht.

 

Es ist bereits eine Stunde her, seit die ersten in das Geschäft konnten. Wir stehen zuvorderst in der Reihe und witzeln mit dem Securitas-Mensch. Die Reihe hinter uns wird kürzer und zwar nicht, weil bereits viele ihr iPhone erhalten haben, sondern weil die ersten scheinbar zur Arbeit mussten.

 

Unter den Top Ten

Endlich ist es soweit, der Securitas-Mann überreicht mir die Karte mit der Nummer Zehn. Voller Freude treten wir in den Laden ein und stehen an der nächsten Kolonne an. Die Frauen sitzen auf den Stühlen, während die Männer sie versuchen zu beschwichtigen und gleichzeitig ihr Abo verlängern lassen. Die Mitarbeiter geben ihr Bestes. Nur die Technik nicht, sie zieht das Prozedere in die Länge. Ich geniesse das dritte Gipfeli an diesem Morgen und schlürfe Wasser aus dem edlen Glas in Reagenzglasform. Nando steht an der Kasse und verabschiedet sich innerlich von seinem alten Gerät. Fachmännisch nimmt ein Mitarbeiter das neue iPhone in Betrieb. “Bitteschön, viel Spass damit!”

 

Grosse Nachfrage

Es ist mittlerweile acht Uhr. “Wollen Sie durch den Hintereingang hinaus?”, erkundigt sich ein Mitarbeiter. Nando will lieber an den Anstehenden vorbei. Mit strahlendem Gesicht drängt er sich durch die immer noch grosse Menge. In den Augen der Leute lässt sich Argwohn ablesen. Wenn die wüssten, dass es nur siebzig Stück hat!