Kultur | 09.08.2010

Aus dem Leben gegriffen

Text von Amadis Brugnoni | Bilder von Amadis Brugnoni
James Gruntz heisst eigentlich Jonas Gruntz und macht anscheinend Postpopulärmusik - jedenfalls behauptet er das von sich. In einem kurzen Gespräch mit Tink.ch vor seinem Konzert auf dem Floss in Basel verrät er, dass er eigentlich gar nicht gerne weit weg reist und ihn die Popmusik aus den 90er-Jahren anwidert.
Bild: Amadis Brugnoni

Als ich ankomme, sonnt sich James Gruntz gerade mit seiner Band in den wenigen Sonnenstrahlen, die es schaffen, die dunkelgraue Wolkendecke zu durchbrechen. Jonas (so heisst James Gruntz wirklich) wirkt sehr unauffällig. Keiner würde denken, dass da ein Junge steht, der gerade im Begriff ist, das Schicksal seines Vetters George Gruntz weiter zu tragen: Ein erfolgreicher Musiker zu sein. Jonas berührt schon in jungen Jahren mit seinen sanften Songs die Herzen vieler Zuhörer, ohne dass er es will.

 

Bist Du ein Träumer?

James Gruntz: Nein, eigentlich nicht. Ich bin eher ein Realist.

 

In deinen Songtexten höre ich jedoch sehr viel Sehnsucht und Wünsche.

Träume haben für mich aber immer auch unrealistische Seiten. Meine Songtexte sind oft mit Vorstellungen verbunden, beziehen sich aber immer auf das reale Leben.

 

Du bezeichnest deine Musik als Postpopulärmusik und wendest dich vom Kapitalismus im Pop ab. Möchtest du mit deiner Musik die Welt verbessern?

Das mit der Postpopulärmusik habe ich mir vor etwa drei Jahren überlegt und plötzlich ist es von allen aufgegriffen worden. Damals habe ich unter postpopulärer Musik verstanden, dass ich Popmusik aus eigenem Willen mache und nicht weil mich ein Produzent managt und zu massentauglicher Musik zwingt. Mir war der 90er-Jahre-Pop-Hype mit diesen Boy- und Girlgroups ziemlich zuwider. Mir war klar: So etwas will ich nicht machen. Aber ich bin mit dieser Musik aufgewachsen und meine Musik hat deshalb viele Einflüsse aus dieser Zeit. Da viele Menschen mit dem Begriff “Pop” Mühe hatten – zumindest glaubte ich das – wählte ich die Umschreibung “Postpopulär”, um zu zeigen, dass ich meine Musik mit einem neuen Geist mache.

 

 

Aber eigentlich ist ja der kommerzielle Bereich der Popmusik nicht mit der Musik selbst entstanden. Ursprünglich war Popmusik völlig unkommerziell – von Jedermann, für Jedermann.

Das stimmt. Aber ich habe das Gefühl, dass ab den 90er-Jahren der kommerzielle Bereich voll im Vordergrund gestanden ist. Die kommerzielle Idee stand zuerst im Raum und in einem zweiten Schritt versuchte man es dem Publikum näher zu bringen.

 

Werfen wir doch noch einen Blick auf deinen Videoclip “Song to the Sea”. In diesem Song sehnst du dich nach dem Meer, weg von der grauen Stadt. Weshalb zieht es dich weg von deiner Heimat?

Vor drei Jahren nahm ich das erste Album bei mir im Wohnzimmer auf. Die Plattentaufe war dann gleichzeitig mein erstes Konzert. Plötzlich liefen Songs von mir im Radio, es kamen weitere Konzerte und ich fühlte mich unglaublich unwohl auf der Bühne. Ich gab noch drei Konzerte, von denen eines ein Solokonzert war – das schlimmste von allen. Nach diesen Konzerten ersteigerte ich zusammen mit einem Freund zwei Motorräder im Internet und machte eine Motorradtour durch Italien. Wir fuhren über den Gotthard und Venedig die ganze Küste runter bis an die Stiefelspitze und auf der anderen Seite wieder zurück. Ich hatte diese Flucht nötig – einfach mal weg – und dachte sogar: Das war’s mit der Musik. Aber auf dieser Reise hatte ich die Ukulele dabei und spielte immer ein bisschen. So entstand der Song langsam. Und ich wusste, er sollte vom Meer handeln: Alle Dinge auf der Tour um mich herum kamen und gingen. Das einzige was auf der Reise immer da war, war das Meer.

 

Dann ist eigentlich der Song eine Erzählung über diese Reise?

Genau.

 

War denn die Reise auch der Grund dafür, dass du die Unplugged-CD aufgenommen hast?

Nein. Wir wollten ein neues Album machen, hatten aber zu wenig neue Songs, um ein ganzes Album zu füllen. Das führte dazu, dass wir die alten Songs einfach unplugged spielten.

 

Nochmals zurück zum Reisen: Bist du gerne unterwegs auf Reisen?

Unterwegs bin ich gerne, aber weg nicht. Als Musiker ist es immer schwierig zu sagen: Jetzt mache ich einen Monat Ferien. Wenn ich weit weg will, dann sollte ich schon etwas länger Zeit haben. Und wenn ich ständig Konzerte habe, komm ich gar nicht richtig dazu. Aber ehrlich gesagt, habe ich auch kein grosses Bedürfnis danach. Ich bin in Bern geboren, in Biel aufgewachsen, habe lange in Basel und Zürich gelebt und bin deshalb ein bisschen auseinander gerissen, auch was meinen Bekanntenkreis angeht – die Band kommt zum Beispiel aus Biel und Zürich. Ich bin immer ein bisschen überall.

 

Was machst du, wenn du keine Musik machst?

Ich habe bis jetzt an der Jazzschule Zürich Gesang studiert, den Bachelor gemacht und mir jetzt ein Jahr Auszeit genommen, in dem ich versuche, nur Musik zu machen.

 

Also keine non-musikalische Tätigkeit?

Eigentlich nicht. Ich mache Musik auf verschiedenste Arten. Zurzeit funktioniert das gut. Ich habe viele eigene Projekte, zum Beispiel mit der Berner Rapperin Steff la Cheffe.

 

 

Info


James Gruntz engagiert sich zum Beispiel auch im Verein Stadtklang. Mit dem Videoprojekt showtogo.ch macht Stadtklang Videoaufnahme von Musikern, die ihre Songs auf der Strasse vorführen. Und wenn er nicht selber Musik macht, hört er sie. James’ Lieblingsmusik sind zum Beispiel “Musicology” von Prince oder “How I Got Over It” von The Roots.

 

 

Nächstes Konzert


James Gruntz tritt am 15. August 2010 um 17:00 an den X-Days in Biel auf.

 

 

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