Gesellschaft | 26.08.2010

Au Marché de Belleville

Text von Seraina Manser | Bilder von Seraina Manser
Jeden Dienstag- und Freitagmorgen findet am Boulevard Belleville der billigste und bunteste Markt von ganz Paris statt. Eine kurze Reise in eine komplett andere Welt.
Bunt, frisch und günstig: Le Marché de Belleville. Die Händler betreiben eine sehr aktive Verkaufsstrategie. Der arabische Einfluss ist deutlich spürbar.
Bild: Seraina Manser

Der Boulevard Belleville liegt im 20. Arrondissement im Osten der Stadt und ist eines der multikulturellsten Viertel der französischen Metropole. Türken, Griechen, Asiaten und vor allem Araber wohnen hier Tür an Tür. Obwohl sich das Quartier nur wenige Metrominuten vom Zentrum befindet, unterscheiden sich die Cafés und Läden stark. Im edlen Zentrum zieren Namen wie “Ladurée”, “Lacroix” und “Chanel” die Gebäude, am Boulevard Belleville ist man schnell aufgeschmissen, wenn man die arabische Sprache nicht beherrscht.

Der Markt erstreckt sich über einen Kilometer, zwischen den Marktstandreihen gibt es knapp zwei Meter Platz. Ich verstaue mein Portemonnaie sicher zuunterst in der Tasche und stürze mich in das kunterbunte Getümmel.

 

Probieren erlaubt

“Goutez, jeune fille!”, “Un kilo de nectarines, un Euro!” oder “Ici, les meilleurs cerises de tout Paris!” schreien mir die Händler entgegen. Auch arabische Parolen und für mein Ohr undefinierbare Laute schallen mir entgegen. Dort streckt mir einer einen Melonenschnitz unter die Nase und hier möchte mir ein anderer zwei sonnengetränkte Ananas für nur zwei Euro verkaufen.

Auf diesem Markt ist Anfassen erlaubt; die Leute schrecken nicht zurück, die Ware zu testen und stecken sich selbstverständlich eine Aprikose oder Pflaume in den Mund. Wenns schmeckt, greift man zu und sonst testet man die Konkurrenz nebenan. Auch darf man seine Ware selber auswählen und hat so garantiert keine faulen Früchte im Sack. Manche Händler sind aufdringlich und geschickt, ehe man sich versieht hat man einen Plastiksack in der Hand und wird aufgefordert, sich zu bedienen. Als ich die besten Nektarinen entdeckt habe, wähle ich die saftigsten aus und gib sie dem Händler zum Wägen. Weil er mich so nett findet, gibt er mir, nur mir natürlich, noch zwei gratis als Geschenk dazu und verabschiedet sich mit den Worten: “Jusqu’à  vendredi!” Marktfrauen entdecke ich keine einzige, die Männer haben wohl einfach lautere Stimmen, um ihre Ware effektiver anzupreisen.

 

Exotisch und musikalisch

Die Früchte sind zu Pyramiden aufgestapelt und die Gemüse farblich schön angeordnet. Es gibt Früchte, die ich noch nie gesehen habe, geschweige denn deren Namen ich kenne. Aber nicht nur Grünfutter gibt es, das Sortiment des Marché Belleville reicht von Fisch, Fleisch, Oliven über Gewürze, Haushaltsgegenstände und Kleider. Am Fischstand entdecke ich lebendige Hummer und riesige Crevetten, und alles halb so teuer wie im Supermarkt. Besonders gefällt mir ein Gewürzstand, an dem man Gewürze in allen Farben und Geschmacksrichtungen findet. Der Händler trägt traditionelle Kleidung und spielt ab und zu auf seiner Laute.

Die engen Platzverhältnisse sind für mich ungewohnt und manchmal auch unangenehm. ein paar Mal werde ich angerempelt, zur Seite geschoben oder mir wird ein Kinderwagen ins Bein gerammt. Nach zwei Stunden klaustrophobischen Zustandes spuckt mich der Markt um ein paar wenige Euro leichter und um mehrere Kilo Früchte und Gemüse schwerer auf dem Place Ménilmontant wieder aus. Als ich wenige Minuten später an einem Luxusschuppen namens “Dior” vorbeikomme, kommt mir der Marché unwirklich vor.