Gesellschaft | 31.08.2010

A wie Alltagsdroge

Der Alkohol hat unsere westeuropäische Gesellschaft fest im Griff. Ob wir wollen oder nicht. Feiern und Mineral trinken wird nur durchs Autofahren legitimiert. Ohne Alkoholiker zu sein hat man den eigenen Konsum schnell nicht mehr unter Kontrolle.
Heute schon zu tief ins Glas gesehen?
Bild: youthmedia.eu/ManischDepressiv

A wie Alkohol

Die Musik im Zelt ist laut. Mein letztes Bier steht seit zwei Stunden leer neben mir und erst jetzt erwache ich wieder aus dunstigem Nebel. Um mich herum sitzen die Menschen auf den orangen Festbänken und wippen mit den Füssen im Takt der Musik. Mit ihnen wippt das Bier im Glas. Kaum eine Hand scheint sich nicht an Hopfen oder Malz zu halten. Wenn nicht das Bier die durstigen Kehlen kühlt, dann macht der Wein die nötige Röte im Gesicht. Ein paar wenige unterstützen den lieben Cola Santa Claus. Vermutlich steht ihr Auto nicht unweit von hier und sie dürfen später ihren Bekanntenkreis samt Mundgeruch nach Hause chauffieren.

 

B wie Bewusstsein

Während das Rauchen in den Zelten strengstens untersagt ist, raucht dem Zapfhahnen schnell der kühle Kopf. Die Stimmung wird Bier um Bier ausgelassener. Die Musik ist zugegeben wirklich toll. Je höher die Promille steigt, umso schwieriger wird das Klatschen im Takt. Langsam beginne ich zu zweifeln, ob die Musik allein Grund für die Freude ist. Alkohol lässt böse Gedanken draussen stehen. Der Nebel um Augen und Ohren wird dichter, während man ein anderes Bewusstsein erhält. Mein Nebel um die Augen spiegelt sich in der Iris der Person gegenüber.

 

F wie Flucht

Das Festival könnte irgendwo in der Schweiz stattfinden. Die Bilder wären wohl überall dieselben. Langsam beginnt mich die alkoholschwangere Luft zu ekeln. Auf dem Weg nach draussen folgen mir benebelte Augen. Wovor diese Frauen und Männer wohl fliehen müssen? Am meisten vermutlich vor sich selbst. Unangenehme Gedanken sind meist weit weg, wenn der Kopf geschwemmt wird. Aber auch draussen finde ich keine Ruhe. Links von mir wird an die Hauswand uriniert und rechts starrt mich jemand aufdringlich an. Obwohl ich in meinem schlabbrigen Helfer-T-Shirt bestimmt nicht die Attraktivste des Abends bin. Aber der Nebel um diesen Herrn scheint äusserst dicht zu sein.

 

H wie Heilig

Der Betrunkene schwankt auf mich zu. Auf seine Frage, ob man mich wohl adoptieren könne, gebe ich keine Antwort. Innerlich zweifle ich aber an seiner eigenen Mündigkeit. Aber nicht nur die Männer haben einen glasigen Blick, auch manche Frau macht auf sich aufmerksam. Der böse Geist des Alkohols hat noch niemanden zu Boden gerissen, aber erleuchtet scheinen einige zu sein. Vielen sind vielleicht auch einfach einsam und können es nur zeigen, wenn sie sich ein wenig Mut angetrunken haben. Geben wir es doch zu, der Alkohol macht die Menschen nicht schlechter, aber er reduziert die Menschen und lässt sie ehrlicher werden.

 

L wie Lösung

Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Das sangen die Toten Hosen auch schon vor acht Jahren. Wovon ihr Lied auch nicht besser wird. Aber wie viel Alkohol ist denn die Lösung? Man täuscht sich, wenn man denkt, dass heute mehr getrunken wird als früher. Innerhalb der letzten 35 Jahre ist der Alkoholkonsum in der Schweiz stetig zurück gegangen. Viele der alten Männer auf den orangenen Bänken mussten früher ihre Väter aus den Wirtshäusern nach Hause tragen. Die Last des Lebens zeichnet ihr Gesicht und morgen wird die Last auf ihren Schultern und in ihren Beinen liegen.

 

V wie verzweifelte Vernunft

Mir wird klar, dass wohl kein Kraut gegen den Hopfen und den Malz gewachsen ist. Ein Bekannter ruft mir durch die Menge zu, ich solle doch noch etwas mit ihm trinken. Aber ich hab die Nase voll von Bier. Ich rechne im Kopf schnell durch, wie viel ich in den letzten Tagen getrunken habe. Meine roten Heidibacken kommen von der Hitze, die mir dabei ins Gesicht schiesst. Es ist wohl nicht das letzte Mal, dass ich auf dem Nachhauseweg tausend neue Vorsätze fasse. Wenigstens kommt der Schlaf so schnell um die Ecke, dass ich mich zu Hause nicht noch für meinen Schwindel im Bett schämen muss.