Gesellschaft | 19.07.2010

Zu wenige Lehrer, zu viele Studierende

Niedergeschlagen kommt Jürg Sonderegger, Prorektor und Dozent an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen ins Schulzimmer. "Was ist passiert?", erkundigen sich die aufmerksamen Studentinnen. Er habe den letzten Monat umsonst gearbeitet, ist seine Antwort.
Bild: jugendfotos.de / megafutzi

Die frühzeitige Planung und Einteilung der Lerngruppen in allen Ehren, aber wenn die Anmeldungszahl die Arbeit anschliessend zunichtemacht, ist das des einen Freud und des anderen Leid. Fast 250 junge Menschen haben sich für das kommende Studienjahr angemeldet. Eine gute Nachricht, in Anbetracht der Tatsache, dass in den nächsten zehn Jahren ein Drittel aller Lehrer pensioniert wird. Das bringt allerdings auch einige Probleme.

 

 

Testosteronschub

Die Werbung in Bussen und Zügen hat viele neue Anwärterinnen angelockt. Ob es die talentierten Pädagogen unseres Volkes sind oder nur jene, die ein möglichst kurzes Studium gesucht haben, sei dahingestellt. Auch die Männer scheinen sich neuerdings vermehrt von dem Angebot angesprochen zu fühlen. Ob der Männeranteil von rund 10 Prozent die beunruhigten Eltern besänftigt, die fürchten, ihr Kind werde durch die Feminisierung des Lehrerberufs beeinträchtigt? Bevor der Testosteronschub in den Lehrkörper gelangen kann, muss noch die Frage geklärt werden, wo der Lehrernachwuchs zur Schule gehen wird. Die Pädagogische Hochschule platzt aus allen Nähten, es mangelt an Schulzimmern, Dozenten und Praktikumsstellen. Des Weiteren müssen die Studierenden vermehrt mit Bussen rechnen, denn wo die unzähligen Autos Platz finden, bleibt ein Rätsel. Dafür kann die kleine Migros von nebenan, welche dem Sortiment nach ein halbes M verdient hätte, bald anbauen. Die Flut der Studierenden, welche aus der winzigen Mensa fliehen, werden den Umsatz vergrössern und den Anbau ermöglichen.

Flexibel hat die Schulleitung umorganisiert. Das Halbtagespraktikum wird zukünftig durch andere Praxiseinsätze ersetzt. Damit verschwindet auch gleich die schwierige Aufgabe, die bestehende Lehrerschaft zur Betreuung der Studierenden zu motivieren. Die Männer werden auf die Klassen aufgeteilt, welche mit fast 30 Studierenden an Grösse zulegen. Damit ist auch der Dozentenmangel behoben. Wie sich diese Änderungen im Alltag niederschlagen und welche Vor- und Nachteile sie bringen, werden alle Beteiligten spätestens in einem Jahr wissen.

 

Kein “Schoggi-Job”

Der St. Galler SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker bekräftigt bei seinen Auftritten immer wieder, dass es im Kanton St. Gallen keinen Lehrermangel auf der Primarstufe gibt. Alle Stellen seien mit qualifizierten Personen besetzt und die Junglehrer finden beinahe alle eine Stelle. PH-Prorektor Sonderegger ist jedoch vorsichtig und befürchtet, dass die in St. Gallen ausgebildeten Lehrer eine Stelle jenseits der Kantonsgrenze annehmen werden. Dazu trägt bei, dass die Löhne ausserhalb von St. Gallen mancherorts ergiebiger ausfallen und die Allroundausbildung sehr beliebt ist.

Ganz allgemein überlegt man sich vielerorts, das Studium attraktiver zu machen. Ein Masterstudiengang, höhere Löhne und ein besseres Ansehen beispielsweise sind Faktoren, welche die Zukunft der Lehrer sichern könnten. Ob diese Massnahmen halten, was sie versprechen, ist ungewiss. Lehrersein ist eben eine Berufung und bleibt eine Herausforderung!