Kultur | 28.07.2010

Wie man ein Publikum verzaubert

Könnte man sich ein besseres Ende für das 27. Gurtenfestival vorstellen als das Konzert am Sonntagabend? Nach vier Tagen ausgelassenem Fest bietet die Schottin Amy MacDonald den Festivalbesuchern eine Show der Superlative. Eine schöne Belohnung für das Schweizer Publikum, das bereits jetzt ihre neue Platte auf den Rang des Doppel-Platin gehisst hat.
Amy MacDonald begeisterte mit ihrer Stimme, ihrer Offenheit und ihrem Lächeln. Fotos: André Maurer

Ist es überhaupt noch nötig, diese junge Künstlerin vorzustellen, die schon seit drei Jahren die Mengen mit Hits, einer genialer als der andere, überschwemmt? Erinnern wir uns der Freude halber kurz an ihren Aufstieg. Die seit ihrem 15. Lebensjahr ihre selbst geschriebenen und komponierten Lieder bescheiden für sich behaltende Künstlerin findet sich 2007 auf den Schienen der Berühmtheit wieder mit der Herausgabe der Single “This is the life”, die ein genau so Aufsehen erregender wie unerwarteter Erfolg wird. Was genau die Zutaten für diesen Erfolg sind, kann man nicht einfach bestimmen. Ohne Zweifel ist es sicher ihre volle und erschauernde Stimme, so ungewöhnlich, dass man sie unfehlbar im Ohr behält. Doch die Musik von Amy MacDonald ist allem zuvor eine Atmosphäre. Nach dem sie im ersten Album dem Umschwung ihres jungen Geistes gefolgt war (so gibt sie auf der Bühne zu, “This is the life” in einer durchwachten Nacht mit Freunden und ein bisschen angeheitert – wenn auch klar inspirativ – geschrieben zu haben), erkennt man im zweiten Album eine junge, sensible und vollkommene Frau, die desillusioniert, aber aussagekräftig und gegenwartsnah erscheint.

 

Unter Kumpeln

Es ist also jene junge Frau, bescheiden und lächelnd, die am Sonntagabend den Abschluss des Gurtenfestivals bildet. Vor 20’000 Personen, die ihre Lieder auswendig mitsingen, geht das Festival dem Ende zu. Ein episches Erlebnis! Überraschend, als elf Musiker mit Kilt und Dudelsack eine sehr schottische Einführung liefern. Spektakulär, als beim Lied “Mr Rock’n’Roll” riesige Luftballone in die Menge geworfen werden, während die Festivalbesucher singen, tanzen und springen. Bewegend, als Amy die Worte von “What happiness means to me” summt, vor einem Publikum ebenso still wie überwältigt. Und sie singt nicht nur, sie spricht auch. Viel sogar. Zwischen den Liedern bedankt sie sich, applaudiert, erzählt Anekdoten und offenbart sich, so dass man sich schlussendlich wie zu Hause unter Kumpeln fühlt. Dort, wo jeder andere sich zurückziehen würde, feuert die Schottin das Publikum nur noch mehr an, es kommt zu einer Explosion der Freude. Zuerst persönlich und intim, erfüllt sie das Publikum mit einer eigenen Version des “Born to run” von Bruce Springsteen. Ihre einzigen Instrumente dabei ihre Gitarre und ihre Stimme. Dann heizen Amy und ihre Musiker der Menge zum Schluss noch einmal so richtig ein mit einer fantastischen Show und dem mitreissenden Lied “Let’s start a band”. Doch leider haben alle guten Dinge ein Ende; die junge Frau verschwindet, der Zauber ist gebrochen. Allerdings nur bis zum nächsten Konzert.

 

Spiegel ihres Talents

Der Auftritt der jungen Künstlerin war an diesem Tag ganz klar ein Spiegel ihres Talents. Das Publikum auf dem Gurten konnte ein Konzert voller Lächeln, mit grosser Energie und einer Intimität mit der Menge geniessen, so paradox das auch erscheinen mag. Um zusammenzufassen: Amy MacDonald wird geliebt, weil sie die Autorin, Komponistin und Interpretin ihrer Lieder ist, weil sie lächelt und berührt, weil man ihre Lieder nicht aus dem Kopf bekommt und weil man, wenn sie singt, genau spürt, dass sie mit ihrer ganzen Seele dabei ist. Genügend Gründe um zu hoffen, dass sie auch noch in zehn Jahren unsere Ohren – und unsere Herzen – bezaubern wird.