Kultur | 28.07.2010

Weekend auf dem Gurten

Es waren einmal zwei junge Mädchen, die, begierig nach Freiheit, die Welt entdecken wollten. So sprangen sie eines Morgens in einen Zug und kamen am Fusse eines verwunschenen Hügels an, den sie zu erklimmen beschlossen. Alsbald sie den Gipfel erreicht hatten, erbot sich ihnen ein magischer Anblick: Sie trafen auf einen heiligen Ort, dem Tempel der Musik, dem Königreich der Musik. Es gefiel ihnen sehr und so beschlossen sie, dort ein wenig zu verweilen.
Der Gurten in magisch guter Stimmung und Sonnenschein. Fotos: André Maurer

So könnte die Einleitung einer wunderlichen und fantastischen Erzählung sein, genannt “Die Reise auf den magischen Hügel”. Aber bleiben wir auf dem Boden und begnügen uns mit dem nüchterneren Titel “Weekend am Gurtenfestival”. Auf diesem Hügel gibt es nämlich scheinbar nichts Magisches, wenn man das Aufstellen des Zeltes in der gemütlichen Sleeping-Zone und das sofortige Sich-zu-Hause-fühlen nicht dazu zählen würde. Fügen wir zahlreiche Konzerte, Essstände aus allen Ecken der Welt, einige Biere hinzu, und schon befindet man sich bereits mitten in einem verrückten Wochenende, wo sich die Natur mit der Euphorie gekonnt vermischt. So läuft das nämlich auf dem Gurten. Einfachheit, Natürlichkeit und Spass.

 

Kein Geschubse

Neben einer tadellosen Organisation ganz dem Wohlbefinden der Besucher gewidmet, ist einer der starken Punkte des Gurtenfestivals auf jeden Fall sein Publikum. Vielseitig und enthusiastisch wie es ist, ist es gleichzeitig auch dynamisch und respektvoll. Kein Drängeln, keine Herumschubserei. Man steht seinem Nachbarn nicht auf den Fuss, selbst nicht, um Amy Macdonald von so nahe wie möglich zu sehen. Und dennoch, wenn Florence Welsh und Co. auf der Bühne springen, tanzen und wild gestikulieren, macht auch das ganze Publikum mit, sogar unter der drückenden Hitze eines sonnigen Sonntagnachmittages. Das ist die Magie des Gurtens. Am helllichten Tag, selbst wenn es heiss ist und zur Siesta-Zeit: die Leute sind da und feiern.

 

Nicht nur Musik

Lustig übrigens, dass man auch viele andere Dinge tun kann, als Musik zu hören. Das Festivalgelände bietet verschiedenste Aktivitäten an und ermöglicht einem, einen ganz speziellen Tag zu erleben, weit weg vom gewöhnlichen Alltag. Slackline zum Beispiel. Darunter versteht man eine lange, solide und elastisches Leine, die in einer gewissen Höhe über dem Boden fixiert wird und auf welcher es darüber zu gehen gilt, immer schön die Balance haltend. Es ist amüsant, so zu tun, als wäre man ein Möchtegern-Seiltänzer. Auch wenn man nicht mehr als ein blutiger Anfänger ist und schon Mühe hat, nur darauf zu stehen, ohne vorwärts zu gehen. Aber niemand macht sich darüber lustig und so probiert man es, bis man es schliesslich geschafft hat, voller Stolz ein paar Schritte auf der wackligen Leine zu gehen. Das ist eine andere Seite des Gurtenfestivals; man kann sein, wer man möchte, und tun, was man möchte. Man kann etwas versuchen, das man sich normalerweise nicht getrauen würde, man kann Bands hören, denen man normalerweise keine Aufmerksamkeit schenken würde, mit der Aussicht auf herzliche musikalische Begegnungen.

 

Einzig das Eintrittsticket ist ein bisschen teuer und eine Studentenvergünstigung gibt es nicht. Doch in diesem ungewöhnlichen Umfeld, den qualitativ guten Konzerten und einer mehr als festlichen Stimmung auf dem Berner Hügel, hat das Wochenende auf dem Gurten keinen Preis und wird am besten mit guten Freunden und ohne Zurückhaltung genossen.