Gesellschaft | 12.07.2010

Was den Zivilisten geboten wird

Text von Diana Berdnik
«Bist du pazifistisch?", fragte mich eine Mitschülerin während einer Diskussion in der Kanti. Nach kurzem Überlegen antwortete ich: "Ja, ich bin friedliebend und harmoniebedürftig." Darum bin ich dem Militär gegenüber skeptisch.
"Die nette Soldatin verbreitete jetzt sogar via Megafon Spässe, die ich leider nicht verstand." (Symbolbild: Youthmedia.org / Tschennie)

Ein Besuch im Militär erweiterte meinen Kenntnishorizont um einiges. Insofern hat es sich gelohnt. Man spricht ja nicht gerne schlecht über Dinge, von denen man keine Ahnung hat. Darum war ich gespannt darauf, was mir da geboten wird. Meine Erwartungen wurden übertroffen.

 

Militärfeeling

Als erstes musste ich feststellen, dass der Film “Achtung, fertig, Charlie!” gar nicht so realitätsfremd ist. Vielversprechend wurde ein Shuttleservice angeboten. Auf Militärisch heisst das, dass man mit zwölf wildfremden Menschen auf der Ladefläche eines Lastwagens platziert wird. Glücklicherweise bin ich nicht so heikel und fand das Militärfeeling noch interessant.

Wenig toll fand es der Mann neben mir. Er wusste alles besser, textete seine Frau zu und beklagte sich dauernd. In jedem zweiten Satz sorgte er sich um seinen Sohn. Anschliessend wurden wir mit Farmer und kaltem Tee ruhig gestellt, bis uns eine Frauenstimme durch ihr Megafon Kommandos gab. Wir stellten uns brav an der Absperrung auf und versuchten den Erklärungen zu folgen. Leider pfiff das Megafon dauernd, doch es war amüsant anzusehen, wie die Soldaten ihr Bestes gaben. Sie luden und entluden ihr Gewehr und robbten unter einem gestellten Dickicht hindurch, während jemand nebenan laut “los, los!” rief. Die Anstrengung ist bestimmt nicht zu unterschätzen, aber wo bleibt der Sinn?

 

Stuntshow

Als nächstes folgten wir dem Bärenführer. Es konnte mir bis jetzt niemand erklären, wieso der so heisst. Jedenfalls wäre ich ihm am liebsten auf allen Vieren hinterher getrottet. Am Zielort angekommen, kündigte er uns eine Show an. Zuerst warteten wir jedoch – unter der brennenden Sonne versteht sich. Dann traten die Akteure auf: Vier arme Männer steckten in Feuerwehranzügen und quälten sich durch ein imaginäres Haus, das brannte und doch nicht brannte.

Danach folgte das zweite Spektakel. Ein Verletzter wurde mitsamt Bahre aus einem Fenster gelassen. Hinterher flog ein Soldat, mit einer Rolle am Drahtseil befestigt, über die Köpfe der Besucher. Zu guter Letzt durfte mein ehemaliger Mitschüler, der mich zu diesem Anlass eingeladen hatte, mit Pickel und Steigeisen einen Baumstamm hinaufklettern. Neben mir stand wieder dieser besorgte Papa, der alles besser wusste. Ich floh, vor der Sonne und dem immer wütender werdenden Mann.

 

Das ist meine!

Endlich hatte ich Gelegenheit, mit meinem Kollegen zu sprechen. Allerdings nicht sehr lange, denn schon bald klebte seine Freundin an ihm, die sich extra für ihn chic gemacht hatte. Nebenan beobachtete ich fünf andere, welche die beiden mit grossen Augen ansahen. Sie waren jedoch nicht das einzige Paar, denn auf dem ganzen Platz waren Verliebte am Showlaufen. Irgendwann mussten sie sich voneinander loseisen, da durch eine spontane Planänderung die Vorführung noch einmal dargeboten werden musste.

Wir machten uns auf den Weg zum Mittagessen. Man könnte jetzt meinen, das Militär würde am Besuchstag etwas Besonderes auftischen. Gut, für die meisten war es schon etwas Besonderes. Es gab Käseschnitten. Mit Salat, dessen Sosse sich nicht von Wasser unterscheiden liess. An den Gesichtern der Angehörigen sah man die Enttäuschung und auch ich würgte das Mahl nur hinunter.

 

In Reih und Glied

Am Nachmittag stand noch die Zugschule an. Das ist der Anlass, bei dem alle Soldaten in Reih und Glied stehen und vom Chef Befehle bekommen. Reine Schikane, wie mir gesagt wurde. Es sieht noch schön aus und die Besucher haben eine Aufgabe: Den zu finden, der am meisten Fehler macht. Doch bevor es los ging, war wieder einmal Warten auf dem heissen Platz an der prallen Sonne angesagt. Die nette Soldatin verbreitete jetzt sogar via Megafon Spässe, die ich leider nicht verstand. Plötzlich entdeckte ich einen jungen Mann in Uniform, den ich letztens kennen gelernt hatte. Ich wechselte einige Worte mit ihm und er verschwand wieder. Der Typ neben mir meinte, den soll ich mir unbedingt warm halten, er sei ein Leutnant. Na super, dachte ich, für mich ist und bleibt er ein Mensch wie viele anderen auch.

Endlich begann die Zugschule. Mit ernsten Gesichtern marschierte die Truppe über den Platz. Ich glaube, diese Leistung ist nicht zu unterschätzen. Und doch überflüssig. Nach diesem ereignisreichen Tag freute ich mich auf die Zivilisation. Doch das Warten nahm kein Ende. Als zum Schluss dann endlich die Landeshymne gespielt wurde und die Soldaten abtreten konnten, war wieder fast eine Stunde vergangen.

Zuhause habe ich begonnen Briefe zu schreiben für meine armen Kollegen, die das gleiche Schicksal erleben. Ausserdem habe ich ihnen eine Käseschnittenotlösung besorgt und in vierfruchtfarbenes Papier gepackt. Ich hoffe es wird ihnen den Aufenthalt in Grün etwas versüssen.