Gesellschaft | 26.07.2010

Vom Regen in die Traufe

Text von Luzia Tschirky
Für einen Tag raus aus dem Grossstadt-Mief in Zürich. Das hat sich unsere Reporterin fest vorgenommen, als sie sich auf die Reise zur Get-Together-Gruppe der Westschweiz machte. Der Mief von Autostrassen wurde für einen Tag getauscht mit nassen Wald- und Wanderwegen.
"Hier sind wir": Der Gruppenzusammenhalt wurde an diesem Tag auf die Probe gestellt. Fotos: PD Eine gute Vorbereitung ist wichtig - besonders bei diesem Wetter. Gerade noch zu erkennen: Die Markierungen auf dem Wanderweg. Fotos: Luzia Tschirky Die Notizen zur Reise zu lesen war eine richtige Herausforderung: Das kleine Buch sah aus, als ob es mit der Titanic gesunken ist.

Es regnet in Strömen in Zürich. Die Menschen drängen sich vor dem kalten Nass an die Hauswände. Der Blick am Abend fällt kläglich durch den Regentest, aber wer hat bei solchen Temperaturen auch noch einen Schirm bei sich? Die wenigen Glücklichen kommen nicht auf die Idee, ihr Dach über dem Kopf zu teilen. “Bald bin ich in freundlicherer Umgebung!”, denk ich mir und stampfe durch den Regen. Für eine Nacht und einen Tag möchte ich Teil eines aussergewöhnlichen Projekts werden. Für Get-Together fahre ich mit dem Zug nach Montreux. Draussen vor dem Fenster verschwimmt die Landschaft hinter Regenschleiern. Ich muss mir eingestehen, kaum etwas über Montreux zu wissen. Es liegt am Genfersee, einmal im Jahr trifft sich dort die Jazzwelt und was noch?

 

Die “andere” Schweiz

An Bern und Fribourg vorbei wird die Welt vor dem Fenster französisch. Kurz vor Lausanne fährt der Zug durch einen Tunnel, an dessen Ende einem der Lac Léman zu Füssen liegt. Später wird mir eine Gruppenleiterin von Get-Together erzählen, dass sie jedes Mal das Gefühl hat, der See und die Weinberge sähen anders aus als beim letzten Mal. Am anderen Ufer leuchten mir französische Strassenlaternen entgegen. Zwei Stunden von Zürich fühle ich mich wie auf einer weiten Reise. In Montreux angekommen wird dieses Gefühl noch stärker. Pinien an der Uferpromenade und eine Riviera, die an Marseille erinnert. Die auberge de jeunesse ist schnell gefunden, aber das erste, was ich unterwegs antreffe, ist der Get-Together-Bus, der das Gepäck der Teilnehmenden von Ort zu Ort transportiert.

 

Harte Etappe gewählt

Teil des Projekts zu werden, ist wirklich nicht schwer, eine SMS und ein Telefonanruf genügen. Es ist schon spät am Abend und die Gruppenleitenden von Get-Together liegen müde auf den Matratzen. Die Anstrengung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Die Route des nächsten Tages soll die anstrengenste werden. “You’ve choosen the right part of the trip!”, meint Keith lachend zu mir. Seit einem Jahr lebt der Schotte nun schon in der Schweiz. Die Sprachvielfalt der Gruppe ist nicht zu überhören. Katja studiert in Genf im Master Übersetzung und Christina ist erst soeben von ihrer Südamerika-Reise in die Schweiz zurückgekommen.

Noch kurz die Route auf der Karte durchgesehen und dann nichts wie auf die Betten. Der nächste Tag beginnt trocken, aber eine böse Überraschung nach dem Frühstück lässt nichts Gutes erahnen. Ein Teilnehmer hat sich noch vor dem Frühstück aus dem Staub gemacht. Ohne zuvor die Übernachtung oder das Abendessen zu bezahlen. Die geschrumpfte Gruppe macht sich enttäuscht, aber guten Muts auf den Weg. Wir sind keine zehn Minuten unterwegs, als ein leichter Nieselregen einsetzt. “Dieses Wetter ist mir doch deutlich lieber als 40 Grad im Schatten”, denk ich mir. Unterwegs auf der Wanderung wird sich meine Meinung noch deutlich ändern.

 

Durch eine dichtbewachsene Schlucht, auf Französisch “la gorge”, geht es bergauf. Der Regen wird immer stärker, während Salamander auf den Wegen häufiger werden. Durchnässt treffen wir in “Les avants” ein. Die kulturellen Unterschiede zur Deutschschweiz könnten stärker ausgeprägt sein. Die Wirtin stellt mich vor die Tür, weil ich nichts trinken möchte. Der Blick auf die wolkenverhangenen Berge macht jedoch alles wieder wett. Uns graut es vor dem Aufstieg der steilsten Strecke auf den Pass. Der Nebel versperrt uns die Sicht auf den See, aber wir versuchen uns den See durch den Nebel vorzustellen. “Sind wir schon auf dem Pass?” Scheinbar zeitlos sind wir durch den Nebel gewandert und erreichen den Pass viel früher als geplant.

 

Die raue Seite des Projekts

Der Rest der Wanderung kann man auf drei Worte reduzieren: Regen – Kälte – Regen. An keinem anderen Ort der Welt gibt es vermutlich bessere Suppe, als auf dem Weg zwischen Col de Jaman und Montbovon. Zumindest bin ich seit gestern davon überzeugt. Dem Wetter entsprechend haben wir nicht viele Leute unterwegs angetroffen. Der Regen hat für einen Tag dem Get-Together-Gedanken einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber auch wenn wir keine neuen Leute oder Sprachen kennengelernt haben, so haben wir zumindest Wetter von der rauen Seite zu spüren bekommen.

 

Wieder in Zürich zurück, scheint der Regen endlich ein Ende genommen zu haben. Denn was ist schon dieser leichte Sommerregen gegen das Kübelwetter der Berge?