Sport | 26.07.2010

Villiger-Zigarren, Most und Nebelschwaden

Der 80. Bachtelschwinget überzeugte mit einem prominenten Teilnehmerfeld und durch ein urchiges Ambiente. Das trübe Wetter vermochte bei den Besuchern die Stimmung nicht zu drücken. Ein Rundgang durch die Zuschauerränge.
Voller Einsatz auch bei schlechter Witterung. Fotos: zol Gut vom Regen geschützt und friedlich Zigarre rauchend. Im Nebel waren auch noch Kinder zu erkennen. Die Aussicht vom Bachtel wäre eigentlich ein Highlight.

Der dumpfe Aufprall auf dem Sägemehl ist bis in die obersten Sitzreihen zu hören. “Jetzt hets en aber zünftig z Bode gschlage”, kommentiert ein älterer Herr das Geschehen. Während sich der Geschlagene die Holzstaubresten vom Rücken klopfen lässt, beobachtet der Herr das Treiben aus sicherer Distanz. Genüsslich lehnt er sich zurück und zieht, durch das einzig freie Fenster seiner Ganzkörper-Regenhaut, an einer Zigarre – Marke: Villiger, Aussehen: lang und krumm.

 

Der Mann stellt sich als “Schwinger-Kari” vor und sieht aus, wie man sich den typischen Besucher einer solchen Veranstaltung vorstellt: Eine gewichtige Erscheinung mit knorrigem, aber freundlichen Gesicht. In der einen Hand den Stumpen, in der anderen eine Flasche mit saurem, ur-trübem Most. Dass er sich kurz darauf noch als “Bauer aus Leidenschaft” bezeichnet, mag nicht mehr zu überraschen. Deshalb sei er auch immer für die “Sennen”. Als Sennen bezeichnen sich jene Schwinger mit den blauen Bauernhemden, die sich farblich von den weiss gekleideten Turnschwingern unterscheiden. Früher sei er selbst noch Sennenschwinger gewesen, heute überlasse er den Ring den jungen Wilden.

 

Vorbereitung aufs Eidgenössische

Leicht enttäuscht bahnt sich ein anderer Sennenschwinger den Weg ins schützende Zelt: Eugster Ruedi, der kurz zuvor so effektvoll aufs Kreuz gelegt wurde. “Es ist noch alles dran”, sagt der 30-Jährige, der aus Quarten im Kanton St. Gallen ins Oberland angereist ist. Durch seine Arbeit als Elektriker kenne er die Umgebung rund um den Bachtel: “An schönen Tagen geniesst man hier eine wunderbare Aussicht.” Für diesen Samstagnachmittag sind die Prognosen düsterer: Im dichten Nebel des 80. Bachtelschwinget muss Eugster im dritten Kampf seine zweite Niederlage einstecken. “Lieber gehe ich heute zu Boden als beim nächsten Turnier”, sagt Eugster mit Vorausblick auf das nahende Eidgenössische Schwing- und Älplerfest vom 20. bis 22. August in Frauenfeld. Nicht nur für Eugster ist der Bachtelschwinget eine wichtige Generalprobe auf den Grossanlass. Nebst Eugster reisten in diesem Jahr fast alle Teilnehmer des Nordostschweizerischen Schwingerverbands auf den Oberländer Hausberg.

 

So viel Prominenz freut die Organisatoren vom 80. Bachtelschwinget. Ursprünglich habe man mit 2000 Besuchern gerechnet, sagt Markus Corstesi, der OK-Präsident vom Bachtelschwinget. Doch das schlechte Wetter habe ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Immerhin etwa 500 Leute lassen sich vom Regen und Nebel nicht abschrecken. Wem die Tribüne zu nass und die Wiese um den Ring zu sumpfig ist, flüchtet sich ins nahe Festzelt. Gutgelaunte Serviertöchter, lüpfige Ländlermusik und der eine oder andere Kaffee-Schnaps sorgen zwar nicht für eine klimatische, immerhin aber für eine Gemüts-Aufhellung.

 

“Geballte Manneskraft”

Der Schwingsport als Nebenschauplatz? Vom Tisch nebenan erschallt lautes Gelächter: Sie würden nur kurz einen “Jass klopfen” und dann gehe es wieder nach draussen, sagt eine Frauengruppe einhellig. Sie sind aus dem Zürcher Unterland angereist, um die “Mannen” bei ihren Kämpfen zu untersützen – egal bei welcher Witterung. Trotzdem seien sie froh, nicht selbst im Sägemehl stehen zu müssen. “Aber die sind ja hart im Nehmen”, sagt die lauteste der Gruppe – die 35-jährige Doris.

 

Die “geballte Manneskraft” beim Schwingen beeindrucke sie, meint Doris, die selbst mit einem Schwinger verheiratet ist. Doch auch die Technik und das ganze Umfeld dieser Sportart sei faszinierend. Es sei verrückt, wie viel diese Männer in ihren Sport investieren: “Die Trainieren wie die Gestörten. Drei- bis viermal die Woche – mindestens. Und daneben noch arbeiten!” So gesehen sei sie recht froh, dass ihr Mann gerade verletzt sei. So habe sie wenigstens etwas von ihm, sagt Doris und lacht. Ihre etwas weniger temperamentvolle Kollegin Helene freut sich vor allem auf den Abend: Barbetrieb und Tanz stehen auf dem Programm. Schon mancher Schwinger habe am abendlichen Festbetrieb nach einem passenden Weib Ausschau gehalten, wird gemunkelt. “Wer weiss”, seufzt Helene, deren Brillengläser wegen den heissen Temperaturen im Zelt etwas beschlagen sind. Das seien alles ganz feine Typen. “Und so bodenständig”, meint Helene. Nach einem weiteren “Kaffee mit Güx” ist der letzte Jass geklopft und die Aufmerksamkeit der gut gelaunten Frauengruppe richtet sich wieder nach draussen, wo derzeit die Nebelschwaden am Verfliegen sind.

 

Abderhalden als grosser Abwesender

Die Besuchervielfalt am Bachtelschwinget erstaunt. Auch ein junges Studentenpaar zog sich die Gummistiefel an und verfolgt nun die Kämpfe aus nächster Nähe. “Bisher kannten wir den Sport nur aus dem Fernsehen.” Weil das Bachtelschwinget fast direkt vor ihrer Haustüre stattfindet, wollten sie die Gelegenheit nutzen, um den Volkssport einmal live zu erleben. Dass der angeschlagene Abderhalden Jörg – der Popstar unter den Schingern – nicht hier ist, enttäuscht sie ein wenig. Ein bulliger Schwinger drängt die beiden kurz zur Seite, um schnaubend sein Gesicht am Brunnen vom Sägemehl zu reinigen – ein oft gesehenes Ritual an Schwingturnieren. Der Stundent ist begeistert: “Es fühlt sich alles viel intensiver an als am Fernsehen – die ganze Atmosphäre, dieses Ur-schweizerische, das Traditionelle …” schwärmt er und landet gleichzeitig mit einem Fuss in einer knöcheltiefen Regenpfütze. Ja, auch das meine er mit “Intensiver”!

 

 


Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest vom 20. – 22. August in Frauenfeld: www.frauenfeld2010.ch

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