Politik | 20.07.2010

Stimmen aus Hebron

Sami ist ein 16-jähriger Palästinenser und seit über einem Monat in israelischer Gefangenschaft. Heute entscheidet ein Gericht darüber, was weiter mit ihm geschieht.
Soldaten während der wöchentlichen Demonstrationen. Links Sprayereien, die eine Öffnung der Shuhada Street für alle fordern. Hinter dem Zaun ein Teil des abgebrannten Feldes. Einer der Container-Checkpoints in Hebron. Shuhada Street. Links die Juden und rechts Palästinenser; nach einigen Metern nur noch Juden.

Ein Blick zurück. Samis Familie lebt in Tel Rumeida, Hebron. Ein grosses Stück Land, das die Familie besitzt, gilt seit zehn Jahren als “Military Zone”. Dies wird oft als Grund genannt, um das Gebiet zu besetzen und an jüdische Siedler zu übergeben. Das Gebiet ist von Zäunen umgeben, Zutritt verboten. Am 25. Mai dieses Jahres wurde ein Teil des ehemaligen Gartens der Familie von Siedlern abgebrannt. Zwei Tage später: Sami war dabei, das abgebrannte Gebiet zu säubern, Äste und Asche zu entfernen, als Soldaten auftauchten. Auf den Befehl, das eingezäunte Gebiet zu verlassen, antwortete Sami, er wolle nur Ordnung schaffen. Sie fragten, wie lange er brauche. “Zwischen zwei und drei Stunden”. Schüsse in die Luft, abgefeuert von einem zweiten Soldaten. Sami solle verschwinden! Er entgegnete: “Das ist mein Land und ich kann mich hier aufhalten, wann immer ich möchte.” Sami wurde verhaftet und für sechs Stunden festgehalten.

 

Sechs bis acht Soldaten und eine M-16

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Am 30. Mai wurde Sami auf dem Weg zum Markt von denselben Soldaten für zwei Stunden festgehalten. “Ich werde dich erschiessen”, drohte ihm einer der Soldaten.

Hebron ist ein verrückter Ort mit vielen tragischen Geschichten. Samis Geschichte ist nur eine von vielen, und sie ist noch lange nicht zu Ende. Zwei Tage später um elf Uhr morgens ging Sami erneut zum Markt, um Zigaretten für seinen Vater, sowie Früchte und weitere Nahrungsmittel zu besorgen. Auf dem Rückweg wurde er am Duboya-Checkpoint erneut aufgehalten. Die Checkpoints in der Altstadt sind barackenähnliche Gebilde, in denen unter anderem ein Metalldetektor zu finden ist. Während Sami sich im Checkpoint befand, schlossen die Soldaten die Türen und fielen über ihn her. Zeugen sprechen von sechs bis acht Soldaten, die Sami zusammenschlugen, ihm eine M-16 an den Rücken hielten, ihn fesselten und seine Augen verbanden. Er hatte eine offene Wunde an der Stirn, die eingekauften Waren, sein Handy, sein Geld und sein Portemonnaie lagen verstreut auf der Strasse.

 

Fadenscheinige Anklage

Später kam Samis Bruder durch den Checkpoint, per Zufall oder alarmiert durch Gerüchte, und sah, was die Soldaten Sami angetan hatten. Auf die Frage, weshalb sie das getan hätten, antworteten sie kalt, dass bald die Polizei kommen und Sami zur nahe gelegenen jüdischen Siedlung Kiryat Arba bringen würde. Sie liessen ihn Samis Habseligkeiten aufsammeln und nach Hause bringen. Um sieben Uhr, acht Stunden nach Samis Eintreffen am Checkpoint, riefen sie seine Eltern an und teilten mit, dass sie Sami zu einer anderen Siedlung namens Etzion bringen würden. Dort hielten sie den Jungen für eine Woche fest und überführten ihn ins Gefängnis Ofer. Samis Anklage bestand in der Aussage von drei Soldaten, die behaupteten, er hätte an jenem 1. Juni am Morgen Steine auf Soldaten geworfen. Am 1. Juni dieses Jahres wurden in vielen Dörfern und Städten im besetzten Palästina Steine geworfen, denn es war der Tag nach der israelischen Attacke auf die Freedom Flotilla. Sami aber ging an diesem Tag zur Schule und schrieb Abschlussprüfungen, die um acht beginnen und in der Regel ein bis zwei Stunden dauern. Trotzdem genügt in den besetzten Gebieten die Aussage auch nur eines einzelnen Soldaten, um Jugendliche wie Sami ins Gefängnis zu bringen.

 

Ein Funken Hoffnung

Hebron ist eine Stadt der Extreme geworden. Beinahe täglich werden Palästinenser von bewaffneten Siedlern angegriffen und die Soldaten stehen in der Nähe und tun nichts. Im Gegensatz zu oekonomischen Siedlern, die in Settlements in der Westbank wohnen, da es viel billiger ist, als eine Wohnung in Jerusalem oder Tel Aviv zu mieten, sehen die ideologischen Siedler die Westbank als ihr Land und tun alles, um den Palaestinensern das Leben so schwer wie moeglich zu machen. Mit dem Ziel, sie alle zu vertreiben. Shuhada Street, einst eine der Hauptadern der Stadt, ist nun nur noch Juden vorbehalten und Palästinenser müssen oft kilometerlange Umwege auf sich nehmen, um nach Hause oder zur Schule zu gelangen. Samis Geschichte ist nur eine von vielen. Ungerechtigkeiten regieren den Alltag von il-khalil, wie Hebron auf Arabisch genannt wird.

Ein Funken Hoffnung bleibt: Während dem ersten Treffen vor Gericht sagte der Richter, er sehe keinen Grund für Samis Festnahme. Dieser allerdings ist nun seit über einem Monat selbst im Gefängnis. Es bleibt zu hoffen, dass die Anhörung von heute eine neue Wendung bringt.