28.07.2010

Spiel mit dem Feuer

Was wäre das Bodenseecamp ohne Abende am Lagerfeuer? Und was wäre das Lagerfeuer ohne Musik? Das Porträt eines Gitarristen, der Zuhörer zum Träumen bringt - einen ganzen Song lang.
"Pfadilager" für Medieninteressierte (
Bild: Michael Dolensek / Bodenseecamp 2010)

Hellorange-rote und bläulich kühle Flammen züngeln um die Wette, umspielen voller Leichtigkeit die von einer gräulichen Russschicht bedeckten Holzscheite. Ihre Zungen erzählen leise knisternd Geschichten, bis sie schließlich als Rauchgeister aufsteigen oder als gleissende Funken zischend und knallend in den Nachthimmel stieben und sich letztendlich in der Dunkelheit verlieren.

Die Gesichter der Menschen, die am Lagerfeuer sitzen, werden in ein warmes, sanftes Licht getaucht und einzig und allein ihr Lachen und ihre Gespräche übertönen die Geräusche des Feuers.

 

“He has just one dream, he wanna be a musician one day …”

 

Und natürlich der Song. Dieser eine Song, den Stephan mit fester, klarer Stimme, jedoch vollkommen unaufdringlich zu den Klängen seiner Gitarre vorträgt. Als wolle er ihn vielmehr für sich allein und nicht für die Zuhörenden singen.

Was wäre ein Lagerfeuer ohne Melodien, die einem im Ohr bleiben, die leise im Hintergrund summen und von Mädchenstimmen begleitet werden, bis schliesslich immer mehr Zuhörer einstimmen.

Stephan singt über Jonathan, einen jungen Mann, der den grossen Traum hat, Musiker zu werden, wohlwissend, dass es bis dahin ein weiter Weg ist mit vielen Hürden, die es zu überwinden gilt.

 

“And so he plays every day …”

 

Seinen Traum zu leben und gleichzeitig für den eigenen Lebensunterhalt aufzukommen, ist wohl eine Gratwanderung, die jeder passionierte Hobbymusiker und so auch Stephan nur zu gut kennt.

Er selbst ist 20 Jahre alt, kommt aus Radolfzell und ist mit seiner Freundin zum Camp angereist. Bereits als Junge war er von der Musik fasziniert, sang im Schulchor und spielte später in verschiedenen Bands am Bass. Mehrere Gigs in Deutschland folgten. Beinahe hätten sie es ins Radio geschafft. Dann bekam der Gitarrist der damaligen Band einen Höhenflug und die Gruppe löste sich auf. Alles schon dagewesen, alles altbekannt.

 

Doch Stephan gibt seinen Traum nicht auf, spielt und schreibt nicht für den Erfolg, sondern für die Musik, weil sie ihn glücklich macht. Den perfekten Künstlernamen hätte er auch schon: Stephan Samir el Himer. Seine Vorbilder sind Keith Jarrett, Marcus Miller und Stanley Clarke.

 

“He is just an ordinary guy like everybody else, and so he plays every day …”

 

Wenn Stephan seine eigenen Songs schreibt, versucht er, sich dennoch nicht beeinflussen zu lassen, nicht abzukupfern von den Stars. Als Inspirationsquelle dienen ihm, wie er sagt, das Lagerfeuer und seine Freunde, die ihm immer neue Energie und Antriebskraft geben. Sie bilden die Basis seines Schaffens.

 

Stephan vermag mit wenigen Worten, durch seine Musik Freundschaft und Zusammenhalt zwischen Menschen entstehen zu lassen, die von verschiedenen Orten kommen, sogar verschiedene Sprachen sprechen.

Noch ist nicht klar, ob diese Gefühle länger währen, als das Feuer brennt. Vielleicht hat man ja Glück.

 

Funken sprühen und Stephans Melodien begleiten jene, die nachts um drei Uhr zurück zum Zelt gehen. Am nächsten Morgen riecht die Haut nach Feuer. Und Stephan? Stephan lebt weiter Jonathans Traum.

 

“Everybody has a dream, just hold on to it – keep it real …”

 

 

Info zum Text


Dieser Text entstand am Bodenseecamp 2010 im Reportage-Workshop unter Anleitung von Tink.ch-Verlagsleiter Janosch Szabo und erscheint auf Tink.ch in leicht veränderter Form.

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