Gesellschaft | 05.07.2010

Ora et labora

Text von Diana Berdnik | Bilder von Kloster Fahr / zVg
Fasziniert vom Leben im Kloster, plane ich meinen Aufenthalt bei den Benediktinerinnen des Klosters Fahr. "Ich hoffe du merkst im Kloster, wozu du wirklich geboren bist", schreibt mein Gotti fragend und besorgt in einem Mail, als ich ihr mein Vorhaben ankündige. Zu Recht?
Neben strikter Disziplin beim Gebet gibt es auch Zeit für Freude. "Sie sind Menschen wie du und ich."
Bild: Kloster Fahr / zVg

Sie arbeiten den ganzen Tag. Und wenn sie nicht arbeiten, beten sie. Man sieht sie nur mit ernsten Gesichtern im Chorraum der Kirche ihre Psalmen in monotoner Stimme runterleiern oder singend Gott preisen. Andernfalls stehen sie gebückt und mit tiefen Falten im Gesicht auf dem Acker und bearbeiten den Boden. Wer so denkt, irrt sich. Die Benediktinerinnen sind fröhliche Frauen, die ihr Leben Gott und der Gemeinschaft gewidmet haben.

 

“Irgendwie wird es schon gehen”

Schwester Martina, die mich von Anfang an begleitet, betitle ich gerne mit der Gastfreundschaft in Person. Sie ist freundlich, zuvorkommend und sehr einfühlsam. Sie erlaubt mir sogar die Klausur zu besichtigen, das Mittagsritual mitzumachen, das sie mir auch erklärt. Sie nimmt mir die Angst, etwas falsch zu machen: “Irgendwie wird es schon gehen und sonst ist es auch nicht so schlimm”, sagt sie, als ich meine Zweifel äussere. Die anderen Schwestern stört es auch nicht, dass ich nicht singe, sondern immer noch verzweifelt die richtige Stelle im Psalm suche. Ich gebe es auf, schliesse die Augen und horche dem schönen Gesang der Nonnen.

 

Was ist ein Psalm?

Ich habe gar noch nicht erklärt, warum ich eigentlich ins Kloster gegangen bin. Das Kloster Fahr bietet eine Schreibzelle an, wo junge Erwachsene sich Gedanken machen und anschliessend einen Psalm schreiben können. Auf dem Tisch in meiner Zelle liegt ein Zettel, auf dem treffend steht, was ein Psalm ist: Unser menschliches Leben ist geprägt von verschiedenen Erfahrungen. Es gibt Hochs und Tiefs. Es gibt Zeiten, in denen jubeln und jauchzen wir vor Glück und Freude: Wir erfahren, dass wir geliebt werden. Wir haben Erfolg in der Schule oder im Beruf.

Im Leben gibt es auch Zeiten, da fühlen wir uns einsam und alleine gelassen. Keiner versteht uns und niemand interessiert sich für uns. Nichts gelingt uns – und überhaupt: Alle Mühe scheint umsonst. In einem Psalm kann ich meine Sehnsucht und Angst, meine Hoffnung und Freude in Worte fassen und vor Gott ausbreiten.

Nachdem ich so viele schreckliche Geschichten im Buch “Auf dünnem Eis” und auch triste Zeilen im Psalmenbuch gelesen habe, beschliesse ich, einen positiven, dankbaren Psalm zu schreiben. Dankbar, weil es mir doch so gut geht.

 

Menschen, so wie du und ich

Nicht nur der Psalm hat mich ins Kloster Fahr gelockt, sondern auch die Neugier und die Erfahrung. Die Neugier ist definitiv gestillt worden und die Erfahrung ist es wert. Die Schwestern arbeiten mit ganz viel Freude, auch wenn es an den Kräften der alten Damen zerrt. Neben strikter Disziplin beim Gebet und in der Stille gibt es auch viel Zeit für Freude. Die Klosterfrauen sind jederzeit sehr herzlich, dankbar und lachen oft. Sie sind eigentlich Menschen, so wie du und ich. Das stelle ich vor allem fest, wenn ich mit Schwester Martina der Limmat entlang laufe und sie mir von ihren Erfahrungen im Kloster erzählt. Oder wenn wir alle gemeinsam am Feiertag von Peter und Paul im Klostergarten grillen. So ganz weg von der Welt ist das monastische Leben eben doch nicht. Im Gegenteil, das Kloster ist organisiert wie es auch in einem Verein – mir kommt beispielsweise das Militär in den Sinn – sein könnte. Sie haben ähnliche Probleme wie es auch andere Unternehmen und Gemeinschaften haben. Und doch sind sie befreit vom Druck der Welt.

 

Völlig irre?

Priorin Irene nimmt sich ab und zu Zeit, um mit mir zu diskutieren. Warum entschliesst sich eine junge Frau dazu, ins Kloster einzutreten? Ihre Antwort ist auch für Nichtgläubige gut nachvollziehbar: “Es ist, als würde man sich verlieben. Es kann auch niemand erklären, warum eine Frau beispielsweise diesen einen Mann liebt. Man entscheidet sich für einen Lebensweg und gegen einen anderen. Das machen alle Menschen und ich sage nicht, dass meiner der einzig richtige sei.” Ausserdem lieben die Schwestern das Leben, so wie es der heilige Benedikt seinen Anhängern nahe legt. Es klingt zuerst unlogisch, ist es aber nicht. Denn genau aus dem gleichen Grund kehre ich, trotz der wunderbaren Zeit, die ich im Kloster Fahr verbringen darf, gerne wieder nach Hause zurück.

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