Gesellschaft | 20.07.2010

Onnea: Wo sich in Finnland das Glück versteckt

Text von Sigrun Stulz | Bilder von Sigrun Stulz.
Bei einem Brainstorming zum Thema Finnland würden wahrscheinlich folgende drei Begriffe genannt: kalt, Pisa-Studie, schweigsam. Vielleicht noch Lappland, Alkoholmissbrauch, Langlauf oder Heavy Metal, aber dann wäre Schluss. Ein Blick hinter Klischees und Kulissen.
Unser "Mökki", das Sommerhaus im Grünen -“ mit Plumpsklo und WLAN Ahvenanmaa (Aland) ist eine schwedischsprachige Inselgruppe im Süden Finnlands Der Temperaturunterschied zwischen Sauna und Aussenwelt kann bis zu 80 Grad betragen Das traditionell finnische Haus, hier das ehemalige Zuhause des Nationaldichters Lönnrut.
Bild: Sigrun Stulz.

Die Liebesgeschichte zwischen Finnland und mir begann, als ich ein 12-jähriger Shakira-Fan war. Eine Freundin drückte mir eine CD der Band Nightwish in die Hand: „Hör dir das unbedingt an!“ Zwei Monate später war ich der finnischen Band hoffnungslos verfallen – und auch dem Land selbst.

Irgendwann verschwand, zusammen mit den meisten Pickeln in meinem Gesicht, die fanatische Verehrung für düstere Rockmusik. Der Traum von Finnland blieb. Meinen Entschluss, ein Semester dort zu studieren, fanden viele Freunde trotzdem „irrational“ und „ein bisschen verrückt“ – oder sie meinten: „Na ja, passt zu dir“.

 

Sonnenaufgang um elf

Meine Gastfamilie holte mich bei meiner Ankunft im Januar 2010 gleich in Helsinki ab. Eine Patchworkfamilie: Der leibliche Vater meiner Gastschwester hatte wie mein Gastvater Kinder aus früheren Beziehungen, die abwechselnd bei Vater, Mutter oder Stiefeltern wohnten. Das klingt chaotisch, ist aber alltäglich in Finnland und funktioniert alles in allem gut. Eine typisch finnische Eigenschaft trägt dazu bei, vielleicht könnte man sie „Unaufdringlichkeit“ nennen: Man lässt sich gegenseitig Luft zum Atmen, auch mal Zeit zum Alleinsein, und wenn ich morgens muffelig am Tisch sitze und kein Wort mit irgendjemandem spreche, ist das auch okay. Meine Gastfamilie und Freunde warteten mit der Konversation bis zum Sonnenaufgang, selbst wenn er im Januar bis um elf Uhr auf sich warten liess.

 

Fünfteiliges Schuljahr

Der lange und kalte Winter bietet wunderbare Gelegenheiten zum Eislochschwimmen (Avanto), Saunieren, Langlaufen oder Schneeschuhwandern. Aber bei minus zwanzig Grad siegte dann doch die Faulheit und ich kuschelte mich lieber mit einem Finnisch-Lehrbuch in eine Decke. Während dieser dunklen Winterzeit leben viele Finnen im Leerlaufmodus und jede Aktivität, für die man das Haus verlassen müsste, wird vermieden.

Natürlich abgesehen von der Schule. Das finnische Gymnasium ist ziemlich kompliziert, ähnelt es doch eher der Schweizer Universität als dem Gymnasium: Jedes Schuljahr ist aufgeteilt in fünf „jakso“, Unterrichtsperioden à  sechs Wochen mit einer Prüfungswoche am Ende. Für jede dieser Perioden dürfen die Schüler ihre Kurse selbstständig wählen.

 

Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Dies mag locker klingen, doch es setzt eine gewisse Planung voraus. Am Ende des Gymnasiums sind die Finnen selbst dafür verantwortlich, dass sie Kurse besucht haben, die für ihre Wunschkarriere hilfreich sind. Und nach der Matura geht es erst richtig los; dann kommen die Aufnahmeprüfungen für die Universitäten. Die pädagogische Fakultät in Oulu nimmt zum Beispiel knapp vier Prozent der Bewerber auf. Wer es nicht geschafft hat, kann es im nächsten Jahr noch einmal versuchen. Ansonsten hängt man ziemlich in der Luft, über 23 Prozent Jugendarbeitslosigkeit kommen nicht von ungefähr.

Auch deshalb sehen viele finnische Jugendliche ihre Zukunft im Ausland. „Germanistik in Deutschland studieren, das ist mein grösster Traum“, sagt Mira, die gerade achtzehn geworden ist. „Mitteleuropa, vielleicht Amerika. Finnland ist ja ganz okay, aber halt irgendwie ein bisschen lahm“, meint Saija und büffelt weiter fleissig Deutsch und Französisch.

 

Finnische Schweigsamkeit

Als Austauschschüler ist der Anfang meistens nicht leicht. Gerade weil es keine festen Klassenverbände gibt und Finnen allgemein zurückhaltend sind, fiel mir das Kontakteknüpfen anfangs schwer. Janni, die in meinem allerersten Kurs sass, und mit der ich mich später anfreundete, kommentiert: „Klar, ich hab schon gesehen, dass du Ausländerin bist. Aber ich habe mir gedacht, dass du mich schon ansprichst, wenn du Hilfe brauchst oder Freunde suchst.“

Ein bisschen schüchtern und vor allem zurückhaltend ist man in Finnland. „Wieso sollte ich reden, wenn ich nichts zu sagen habe?“, fragte mein Gastvater, als ich ihn auf den fehlenden Smalltalk in Finnland ansprach.

Seiner Meinung nach hat die Schweigsamkeit auch mit der Geschichte Finnlands zu tun. Jahrhunderte unter schwedischer Herrschaft haben das Land geprägt, bis es schliesslich von Russland erobert wurde. Als weitgehend eigenständiges Königreich ging es mit Finnland unter russischer Herrschaft bergauf, bis sich das kleine Land 1917 für unabhängig erklärte. Kurz darauf wurde Finnland durch den Ersten Weltkrieg erschüttert und verlor im Zweiten gegen Russland den Kampf um Karelien, eine Provinz im Südosten Finnlands. Zwölf Prozent der Finnen lebten dort, wurden zwangsumgesiedelt und kehrten nie in ihre Heimat zurück.

 

Ein Finne gibt nicht auf

Nach dem Wirtschaftswunder in der Nachkriegszeit wurde Finnland im 21. Jahrhundert immer wieder für sein Erziehungs- und Schulsystem gelobt, während Probleme wie Ausländerhass und erschreckend hohe Selbstmordraten international kaum Beachtung finden.

Ihre Geschichte, so sagen die Finnen, hat sie nebst Schweigsamkeit und Misstrauen gegenüber dem grossen Nachbarn Russland auch „sisu“ gelehrt, was so viel wie Durchhaltewillen, Sturheit oder Ausdauer heisst. Die Nationaleigenschaft der Finnen hat nicht nur durch lange Kriegsjahre geholfen, sondern gilt auch für das Sprachenlernen: Bei der Menge an Vokabularlisten und Grammatikaufgaben wären Schweizer Schüler schon lange in den Streik getreten.

 

Sprache ist der Schlüssel

Das Niveau in Englisch ist hoch, aber das heisst noch nicht, dass die Mehrheit der Finnen es gerne spricht. „Hallo, ich bin Nico, ich spreche kein Englisch.“, so stellte sich der Freund einer Schulkollegin vor. Dass er acht Jahre lang Englisch gelernt hatte und alles verstand, was ich sagte, konnte ihn nicht vom Gegenteil überzeugen. Im März unternahm ich mit Nico erste Gehversuche auf Finnisch. Oft fand ich auch beim dritten Versuch nicht die richtige Konjugation für das Verb oder pickte aus den 21 Fällen den falschen heraus. Finnisch ist eine schwierige Sprache, aber trotz allem lernbar. Meine Mitstudenten verziehen mir meine Schnitzer gerne. Und es ging rasch aufwärts: Einen Monat später sprach ich im Alltag nur noch Finnisch und meine Freunde wurden redseliger, offener und neugieriger, als ich es erwartet hätte.

 

Onnea

Der finnische Frühling kommt spät, aber mit grosser Wucht: Irgendwann im April oder Mai spross innerhalb von drei Tagen Gras, die Bäume trugen Blätter und Krokusse wuchsen am Strassenrand. Mit dem klimatischen Frühling kam der emotionale: Plötzlich tauten auch die Finnen selbst auf, in der Schule war es doppelt so laut und am Nachmittag trafen wir uns am See zum Picknick. Und der Sommer lässt ein zweites Finnland erkennen: sonnig, entspannt und mild, gastfreundlich, und tief im Innern glücklich.

„Onnea“ würden die Finnen sagen. Das bedeutet laut meinem Wörterbuch „Glück“, doch die Übersetzung wird dem Wort nicht gerecht. Onnea bedeutet, das Lieblingslied im Radio ganz laut mitzusingen, nach einer richtigen Holzsauna so richtig zu schwitzen oder für das Mittsommerfest kurzfristig 240 Kilometer bis ans Meer zu fahren. Oder, in nur 103 Tagen am Flughafen Helsinki wieder von meiner Familie empfangen zu werden.