Gesellschaft | 26.07.2010

Ohrwürmer – parasitäre Lebensbegleiter

Text von Audrey Djouadi | Bilder von PD
Ohrwürmer sind besser als ihr Ruf: Manchmal erweisen sie sich gar als Retter in der Not. Doch jeder Mensch hat seine Schmerzgrenzen.
Ohrwürmer nisten sich manchmal über Wochen ein.
Bild: PD

Mein Gegenüber gestikuliert wild und gibt Tiraden über die Wichtigkeit von Haarconditioner zum Besten. Und ich denke nur “Woah Black Betty, bam-a-lam” – und das in Endlosschleife. Es ist eine Busfahrt am Montagmorgen Richtung Schule. Neben mir sitzt die Ballerina, die über das Übel, ununterbrochen angebaggert zu werden, Bescheid weiss wie keine andere. Das arme Ding. Und regelmässig schützt mich irgendein Ohrwurm, ob jetzt ein guter Song oder ein fürchterlich nerviger (siehe Black Betty von Ram Jam), vor solchen Gesprächen.

 

Ohrwurm zur Ablenkung

Doch sind Ohrwürmer Freund oder Feind? Im obigen Szenario sind sie ein Geschenk Gottes, die Retter in der Not. Doch was treibt Black Betty, wenn man erstmal in der Schule angekommen ist und sich eigentlich konzentrieren sollte? Also versucht der Ohrwurmgeplagte die Kopfmusik zu ignorieren und gegebene Aufgaben zu lösen. (Die Koordinatenebenen eines räumlichen Koordinatensystems zerlegen den Raum in acht Teile, die wir Oktanten nennen, entsprechend den vier Quadranten im zweidimensionalen Fall. Kennzeichne die Oktanten durch die Vorzeichensequenzen der Koordinaten ihrer Punkte).

 

“Gut, vier Räume auf zwei Ebenen, das bedeutet … Woah Black Betty, bam-a-lam”. Mission Ignorieren ist fürs erste gescheitert. Also verhält sich der Schüler während der Unterrichtsstunde möglichst unauffällig, um dem strengen Blick des Lehrers zu entkommen und denkt sich in der Pause, dass man Feuer mit Feuer bekämpfen muss und hört sich das Lied also kurz auf dem MP3-Player an. Doch bekanntlich dauert so eine Schulpause länger als ein Lied und prompt hört man sich das nächste an. Dieses vielleicht weniger nervig, aber ebenso ablenkend.

 

Taio Cruz überschreitet Schmerzgrenze

Die nächste Stunde beginnt und man kann sich kaum auf dem Stuhl halten, da man am liebsten mitschunkeln würde oder lauthals lossingen: “Brown sugar! How come you taste so good?“. Doch würde man dies tun, würde man nicht nur verwirrt-mitleidige Blicke ernten, sondern auch noch einen Schulverweis. Also sitzt man still auf seinem Stuhl und versucht, Mick, Keith, Charlie und Ron so gut es geht zu ignorieren. So verstreichen dann die restlichen Morgenstunden und man macht sich auf mittägliche Nahrungssuche. Welche Futterquelle bietet sich da besser an, als die kleine Imbissbude des Vertrauens. Doch, oh Schreck, der Imbissbudenbesitzer hat tatsächlich nichts Besseres zu tun, als Radiomusik zu spielen und dort passiert’s dann: Man wird dem erdenklich schlimmsten Ohrwurm ausgesetzt. Hip Hop, R’n’B oder wie auch immer sich diese zirka dreiminütige Tortur nennen mag: Break your heart von Taio Cruz feat. Ludacris. Ja lieber Leser, “I’m only gonna break break your break break your heart“. Und das viermal pro Refrain. Warum, liebes Radio, warum willst du meinen Verstand mit diesem Müll verseuchen? Willst du vielleicht, dass ich meine Matura nicht schaffe oder dass ich von meinem Liebsten verprügelt werde, weil ich ihm gestehe, dass ich ihm nur das Herz brechen werde (und das viermal hintereinander)?

 

Doch was macht einen Ohrwurm nun zum Parasiten? Folgende Unterhaltung:

 

Person A: “Mir läuft die ganze Zeit so ein doofes Lied nach.”

 

Person B: “Ach ja? Welches denn?”

 

Person A: “Break your Heart von Taio Cruz, kennst du das?”

 

Person B: “Nein, sing mal den Refrain.”

 

Person A: “I’m only gonna break break your break break your heart (vier Mal).”

 

Person B: “Ach so, das Lied”

 

(fünf Minuten später)

 

Person B: “I’m only gonna break break your break break your heart”

 

An diesem Beispiel erkennt man eindeutig, dass der Parasit Ohrwurm von Mensch zu Mensch springen kann. Ob man ihn aufhalten kann? Was sind eure nervigsten oder liebsten Ohrwürmer? Bitte unten posten.