Politik | 05.07.2010

Grenzziehungen im Nahen Osten

Nahostkonflikt, Wirren im Libanon, Diktaturen, Kriege - Der Nahe Osten beschäftigt die internationale Politik wie nur wenige andere Regionen der Welt. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Zwischen den beiden Weltkriegen wurden Grenzen festgelegt, die grosses Konfliktpotential bargen.
Die gezogenen Grenzen bargen schon von Anfang an ein Konfliktpotenzial.
Bild: David Naef / Quelle: wikimedia.org/vigi veranda Mark Sykes schloss ein Geheimabkommen über die Aufteilung von Gebieten mit François Georges-Picot. wikimedia.org

Schon während dem Ersten Weltkrieg war klar: Im Nahen Osten würden die Karten neu gemischt werden. Bereits unter osmanischer Herrschaft hatten in der Region nationalstaatliche Ideen Fuss gefasst. Mit der 14-Punkte-Rede von US-Präsident Woodrow Wilson, in der er sich 1918 für das Selbstbestimmungsrecht aller Völker aussprach, wurde auch die Hoffnung der Araber grösser, nach der Niederlage der Osmanen souveräne Nationalstaaten bilden zu können.

 

Die Hoffnung auf Unabhängigkeit

Die Grossmächte Frankreich und Grossbritannien hatten aber nur wenig Interesse daran, die Region tatsächlich in die Unabhängigkeit zu entlassen. Bereits 1916 einigten sie sich im Sykes-Picot-Geheimabkommen untereinander auf eine Aufteilung der Gebiete. Allerdings mussten sie dabei auf die amerikanische Befürwortung des Selbstbestimmungsrechts, also dem Recht von Nationen, frei über politische und kulturelle Aspekte ihres Staates zu entscheiden, Rücksicht nehmen. Sie konnten somit nicht einfach neue Kolonien bilden. Stattdessen liessen sie sich vom neu gegründeten Völkerbund als Mandatsmächte einsetzen. Offiziell, um die Unabhängigkeit in der Region vorzubereiten. Ganz so einfach konnten sie die Kontrolle dann aber doch nicht übernehmen. Arabische Verbände hatten unter dem Versprechen auf einen eigenen Staat mit britischer Unterstützung gegen die Osmanen gekämpft und waren dabei erfolgreicher, als es den Europäern lieb gewesen wäre. Unter Führung des Haschimitischen Königshauses gründeten sie nach dem Sieg über osmanische Truppen in Damaskus 1920 das Arabische Königreich. Doch die Franzosen waren nicht bereit, die Macht in ihrem Mandatsgebiet abzugeben. 1920 bombardierten sie Damaskus, stellten ihre Hoheit über das Gebiet wieder her und legten die Abtrennung des grösstenteils christlich-maronitischen Gebietes des heutigen Libanon von Syrien definitiv fest.

 

Britische Machtpolitik

Im Irak schlugen die Briten 1920 einen Aufstand nieder und setzten darauf Angehörige des mächtigen Königshauses der Haschimiten im Irak und in Jordanien auf den Thron, ohne dabei aber die Macht wirklich abzugeben. Zuvor hatten sie das Gebiet Palästina vom Mandatsgebiet Jordanien abgespalten, wo sie die direkte Herrschaft behielten (und wo nach dem Zweiten Weltkrieg der Staat Israel gegründet wurde). Nach den Vorstellungen des britischen Premiers A. J. Balfour sollte in Palästina eine Heimat für die europäischen Juden geschaffen werden, wie er es schon 1917 in der nach ihm benannten Balfour- Deklaration festgelegt hatte. Die jüdische Immigration nahm darauf weiter zu. Insbesondere während der Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre mussten viele arabische Grundbesitzer Land verkaufen. Käufer waren oft Jüdische Siedler und zionistische Organisationen, die dadurch ihren Einfluss in Palästina ausbauen konnten.

 

Grenzziehungen mit Folgen

In der Zwischenkriegszeit wurde die Hoffnung auf Unabhängigkeit in grossen Teilen des Nahen Ostens bitter enttäuscht – das Recht auf Selbstbestimmung war offenbar nur für die europäischen Staaten gedacht, nicht für den Rest der Welt. Grossbritannien trennte Palästina von Jordanien und legte damit einen Grundstein für die spätere Gründung Israels und der darauf folgenden Konflikte. Auch die Abspaltung Libanons von Syrien war problematisch: Libanesische Vorstellungen von einem eigenen Staat unabhängig von Syrien waren zwar bereits vorhanden. Durch die französische Grenzziehung entstand aber eine Nation, welche durch die Anzahl rivalisierender religiöser Gruppierungen innerhalb des Territoriums bereits den Keim für den libanesischen Bürgerkrieg in sich trug.

 

 


Zur Serie: Nahostkonflikt, Irakkrieg, der Atomstreit mit dem Iran – Der Nahe und Mittlere Osten steht seit langem im Fokus internationaler Politik. In dieser Serie wird nicht nur die historische Entwicklung der Region betrachtet, sondern auch ein Blick auf Kultur und Alltagsleben geworfen. Damit soll das Verständnis für aktuelle Konflikte erleichtert und gleichzeitig ein tieferer Einblick in das Leben in der Region gewährt werden.