Gesellschaft | 13.07.2010

Flirten im Minutentakt?

Ich habe noch nie bei Mike Shiva angerufen, glaube nicht an versteckte Botschaften in Songs von Britney Spears und ernähre mich nicht von Sonnenstrahlen. Und trotzdem bin ich überzeugt, dass mir ein Flirtcoach helfen kann.
"Synchron-Speed-Flirten" am Openair St. Gallen
Bild: Julian Stiefel / fräsch

Ich stehe zu Hause vor dem Spiegel und schliesse einen Flirtvertrag mit mir selbst ab: “Du siehst toll aus, man muss dich einfach kennenlernen!” So empfiehlt es die Broschüre von Thomas Peter. Den Flirtcoach aus Uster fand ich bei meiner Recherche im Internet. “Sie möchten endlich etwas tun und Ihre Erfolgschancen beim anderen Geschlecht erhöhen?”, fragte mich seine Website. “Ja, ich will!” Nachdem ich die Flirtbroschüre verinnerlicht und mein eigenes Spiegelbild genug lange angestarrt habe, treffe ich einen Freund am OpenAir St. Gallen. Wir gehen auf die Jagd nach Handynummern. Möglichst viele sollen es sein, in nur 45 Minuten.

 

Speed-Flirting

Die Nachmittagssonne brennt, der Schweiss perlt, mein neugekaufter Deo tut sein Bestes. Wir sprechen jeweils die nächstbesten Frauen so an, wie es der Flirtcoach geraten hat: “Hey, welche Eigenschaften müsste ich aufweisen, um deine Nummer nicht zu bekommen?” – “Hau ab, du Vollpfosten.” Mein Spruch scheint nicht zu funktionieren. Und die meisten Frauen gehen uns schon aus dem Weg, bevor wir etwas sagen können. Wir sehen wohl suchend aus, flirten im Minutentakt. Schliesslich probiert es mein Kollege mit Ehrlichkeit: “Du bist hübsch, ich muss aber gleich weiter. Darf ich deine Handynummer haben?” Sie zögert. Er lächelt. “Gut, du kannst sie haben.” Ein einziger Erfolg in Dreiviertelstunden. Ist ein Flirtbuch also doch nicht zuverlässiger als Schamanen und Wahrsagerinnen? Gefrustet rufe ich meinen Flirtguru an. Er sei gerade im Auto und habe keine Zeit. “Es ist dringend, ein Krisentelefonat”, dränge ich. Thomas Peter hält kurz an und diagnostiziert Übereifrigkeit: “Das direkte Fragen nach der Handynummer wirkt nur bei extrem spontanen Frauen. Die meisten fühlen sich überrumpelt, als hätte man ihnen gerade einen Heiratsantrag gemacht.” Etwas sachter soll ich es also angehen. Das ist ja wie beim Sex. “Und nutzen Sie die Situation für den Gesprächseinstieg”, fügt mein Coach noch hinzu.

 

Betrunkener Affe

Ich fahre nach Hause ein Hemd anziehen. Neben mir im Bus lehnt eine weibliche Schönheit gegen die Fensterscheibe. “Bist du müde?”, frage ich und – tatsächlich – es entwickelt sich ein Flirt. Wir steigen aus, und ich bin bereits sicher, dass ich ihre Nummer bekommen werde. Da entdeckt mich ein Betrunkener, stürmt auf mich zu und schreit wie ein Affe. Sie geht weg. Pech gehabt. Mit meinem Flirtkollegen vom Nachmittag habe ich um 21 Uhr wieder auf dem OpenAir-Gelände abgemacht: zum Walnussglace- Frustessen. Mein Kollege ist zu spät, und die Glace beginnt zu schmelzen. Also lade ich zwei Frauen darauf ein, sie schlagen zu, und wir flirten. “Aha, du arbeitest an der Migroskasse und hattest es streng heute?” – “Ja, Samstagsarbeit ist doof.” – “Dann hast du dir das OpenAir verdient!” Ich betreibe Smalltalk, wie es die Flirtbroschüre empfiehlt. Nach zehn Minuten gebe ich den beiden meine Handynummer, lächle, verabschiede mich höflich. Und drei Stunden danach kommt schon die erste SMS: “Felix, wo bist du?” Wir treffen uns ein zweites Mal. Und was der Flirtcoach sagt, stimmt: “Verloren hat, wer’s nicht versucht!”

 


Dieser Artikel ist erstmals Anfang Juli im Jugendmagazin “Fräsch” des St.Galler Tagblatts erschienen und wird Tink.ch für eine weitere Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

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