Gesellschaft | 18.07.2010

Ernstfall im Zürcher Kantonsrat

Im Forumtheater werden soziale Brennpunkte aufgezeigt und die Zuschauer direkt in die Handlung involviert. Kürzlich hielt diese Theaterform Einzug im Zürcher Parlamentsgebäude. Wie reagiert ein Kantonsrat, wenn ihm ein Jugendlicher mit dem Messer vor der Nase rumfuchtelt?
Kantonsräte in ungewohnter Situation: Bedrohung mit dem Messer. Fotos: Johannes Dietschi Am Puls der Zeit: Auch Sauforgien inszeniert das Forumtheater. Kantonsrat Philipp Kutter zieht Bilanz zum Projekt "Platzda?!". Die Theaterpädagogin Rebekka Benz lernte die Kunst des Forumtheaters in Brasilien im "Theater der Unterdrückten" von Augusto Boal. Das Körpergefühl ist wichtig beim Schauspielern: Vor dem Auftritt mussten sich Kantonsräte, Jugendarbeiter und Medienvertreter einer Lockerungsübung unterziehen.

Der Musiker klatscht in die Hände und fordert das Publikum auf mitzusingen: “Und jetzt alle…” – für viele kulturinteressierte Leute sind solche Situationen eher Frust als Lust. So hat man sich eigentlich auf einen Abend voller Muse gefreut und jetzt sitzt man mitten im Gaudi und soll selber liefern. Es singen nun die, die es eigentlich gar nicht können – der Konsument wird zum mehr oder weniger freiwilligen Anbieter.

 

In solch verkehrte Welten verirren sich noch andere Kunstformen. Das “Theaterforum” stilisiert die Interaktion mit dem Publikum gar zur eigentlichen Kunstform. Diese Form von Theater lebt durch die Inputs der Zuschauer. Sie bestimmen, in welche Richtung eine Geschichte sich weiterentwickelt. Der Brasilianer Augusto Boal ist der Begründer dieser Theaterform. Was er in den 1950er Jahren unter dem Namen “Theater der Unterdrückten” entwickelte, war eine Kombination aus Kunst und Selbsterfahrung mit politischem Probehandeln. In einer Zeit, als in Brasilien eine menschenverachtende Militärdiktatur herrschte, war dafür mehr als genug thematischer Zündstoff vorhanden. In den 1970er Jahren musste Boal ins Exil flüchten. Durch seine wirkungsvolle Arbeit als Theaterpädagoge wurde er später für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

 

Verbreitet auf der ganzen Welt

Das Forumtheater fand in der Folge viele Nachahmer. Inzwischen ist diese Theaterform auf der ganzen Welt verbreitet. Das hat einen simplen Grund: Soziale Brennpunkte gibt es in jedem Land und deshalb findet das Forumtheater auch überall seine Berechtigung. In der Schweiz sind es die Zürcherinnen Rebekka Benz und Barbara Stehli, die mit einer gemischten Gruppe aus Jugendlichen und Erwachsenen solche Aufführungen inszenierten. Kürzlich kamen sie zu einem Auftritt im Zürcher Kantonsparlament, als die Parlamentarische Jugendgruppe ihr Präventionsprojekt “Platzda?!” präsentierte. Thema der Veranstaltung war der Umgang mit Nutzungskonflikten im öffentlichen Raum. Ein gefundenes Fressen für das Forum Theater Schweiz. Mit ihrer Inszenierung von provozierenden Jugendlichen, die im öffentlichen Raum rumpöbeln, Littering betreiben oder zum Alkoholexzess ansetzen, wurden Situationen geschaffen, die aktuell in Politik und Medien sehr häufig diskutiert werden.

 

 

Eine unangenehme Situation, die fast jeder kennt: Man wird unfreiwillig Zeuge, wie Jugendliche wehrlose Opfer provozieren, bis es schliesslich zur Gewalteskalation kommt. Wie soll gehandelt werden? Selber einschreiten und versuchen die Situation zu deeskalieren? Das Risiko scheuen und wegschauen? Drittpersonen zur Mithilfe auffordern? Das Forumtheater lieferte an diesem Nachmittag mögliche Antworten. Die Kantonsräte konnten verschiedene Formen der Einschreitung direkt testen, indem sie selbst als Akteure ins Theater eingriffen. Die jugendlichen Schauspieler agierten dermassen überzeugend, dass die Situationen genau so auch in der Realität vorkommen könnten. Ein Kantonsrat versuchte die aufgebrachten Jugendlichen zu beruhigen, indem er versuchte “kollegiale Nähe” auszustrahlen: “Wenn ihr hier den Abfall wegräumt, bezahl’ ich euch ein Bier”, mit dieser ungewöhnlichen Massnahme erzielte er immerhin einen Teilerfolg. Die Möglichkeit, Drittpersonen zur Mithilfe aufzufordern, erwies sich ebenfalls als sinnvoll. Eine Vermutung bestätigte sich ebenfalls: Zivilcourage ist gut, aber selbst den Superman zu markieren, ist in den wenigsten Situationen sinnvoll. Schnell haben Jugendlichen ein Messer gezückt und die Situation endet im schlimmsten Fall blutig.

 

Von der Strasse ins Parlament

Obwohl die Kantonsräte aufgrund zahlreicher Konkurrenzveranstaltungen nicht eben zahlreich anwesend waren: Der Nachmittag konnte als Erfolg für die überparteiliche parlamentarische Jugendgruppe gewertet werden. Kantonsrat Philipp Kutter berichtete von den positiven Erfahrungen, die die Gemeinde Wädenswil mit dem Präventionsprojekt “Platzda?!” sammelte, und in der Theatervorführung wurde die Realität der Strasse gewissermassen ins Regierungsgebäude transportiert. Gut möglich, dass sich die anwesenden Regierungs- und Behördenmitglieder nachhaltig an diesen Nachmittag erinnern und vielleicht sogar ein Umdenken betreffend Konflikt im öffentlichen Raum stattfinden wird. In Brasilien wurden aufgrund des Forumtheaters gar ein paar neue Gesetzesparagraphen geschaffen, weshalb sollte dies nicht auch in der Schweiz möglich sein?