Kultur | 27.07.2010

Einstein auf dem Berner Hausberg

Das Freilichttheater Gurten präsentiert seine neuste Produktion "Einstein". Im Zentrum des Stücks steht aber wider Erwarten nicht das Schaffen Einsteins, vielmehr wird im Theater auf dem Berner Hausberg der Mensch Einstein ins Zentrum gerückt. Dabei nehmen unter anderem auch Einsteins Frauengeschichten eine wichtige Rolle ein.
Christiane Wagner (Elsa Einstein), Oliver Stein (älterer Albert Einstein) und Maud Koch (Ilse Einstein, Elsa's ältere Tochter) Andrea Hofmann (Mileva Einstein-Maric) und Christoph Keller (junger Albert Einstein) Emigranten warten auf das Einlaufen des Schiffes. Fotos: Michael Meier/zvg

Nach der Eröffnung des Einstein Museum im Historischen Museum Bern geht das Genie in die nächste Runde: Letzten Samstag fand die Uraufführung vom Theaterstück “Einstein” auf dem Berner Gurten statt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der 7. Dezember 1932. Der Tag, an dem Albert Einstein in Antwerpen an Bord eines Schiffes geht und Europa verlässt, um nach New York zu emigrieren.

 

Bühnenbild mit Fernweh

Livia Anne Richards Freilichttheater zeigt in einer relativ gross angelegten Inszenierung den Menschen Albert hinter dem Mythos. Markus Keller hat hierfür das perfekte Ambiente geschaffen: Schlicht, aber doch überzeugend ist das Bühnenbild des belgischen Quais, wo sich die eigentliche Rahmenhandlung abspielt. Rückblenden in Einsteins Studienzeit rufen bei so manchem Zuschauer ein Fernweh hervor. Den letzten Schliff verleihen dem Erscheinungsbild jedoch die rund 60 Darstellerinnen und Darsteller in altmodischer Reisekleidung, die gekonnt in Szene gesetzt werden.

 

Serbischer Akzent

Besonders geglänzt in ihrer Rolle hat Andrea Hofmann, die den Part der hinkenden ersten Ehefrau Einsteins übernommen und die Verzweiflung über das zunehmende Desinteresse ihres Mannes gegenüber den gemeinsamen Kindern gekonnt veranschaulicht hat. Aufgelockert wurde diese Düsterheit durch den gespielten serbischen Akzent, der für einiges Schmunzeln gesorgt hat (“Nicht Kopf ist schwanger, Bauch ist schwanger!”). Besonders brilliert hat auch André Ilg, der die Rolle des erwachsenen Eduard Einsteins übernommen hat. Dieser macht in seinem schizophrenen Wahn seinem Vater Albert Vorwürfe, ihn nicht geliebt zu haben, weil Eduard sich lieber mit Gedichten als mit den “wesentlichen Dingen des Lebens” auseinandergesetzt hat. Ilg hat mit seinem kurzen, aber doch beeindruckendem Auftritt das Publikum für einige Minuten in eine Art betretenes, fassungsloses Schweigen versetzt.

 

Plumpe Dialoge

Regisseurin Richard ist es gelungen, den Menschen hinter dem Genie fassbarer zu machen. Jedoch lassen einige Dinge zu wünschen übrig. Die Dialoge im Stück sind nur mittelmässig, teilweise sogar plump. Umso schlimmer dann noch, wenn wild mit Klischees um sich geworfen wird. Das Publikum weiss, dass der Antisemitismus zu dieser Zeit schon verbreitet war; ein übertriebenes “Heil Hitler!” wirkt völlig deplatziert und hinterlässt so manchen argwöhnischen Blick auf dem Zuschauergesicht. Völlig in die Hose ging dann leider auch das Ende: Der alte Einstein tritt gemeinsam mit dem Jungen vors Publikum und führt einen “inneren Monolog”: Der Alte wirft seinem vergangenen Ich vor, sich zu sehr der Wissenschaft und den Affären und zu wenig der Familie gewidmet zu haben. Das Stück endet mit der Einsicht der beiden Einsteins, als Ehemann und Vater versagt zu haben.

 

Realitätstheorie einfach erklärt

Die erste Hälfte der Aufführung ist teilweise noch unterhaltsam, die zweite dann eher mühsam. Nach Richards “Dällenbach Kari”, der im Sommer 2006 und 2007 rund 30’000 Menschen angezogen hat, waren die Erwartungen deutlich höher gesetzt. Und doch: Eine Szene rettet das ganze Stück. Höhepunkt des Stücks bildet eine Erklärung Einsteins gegenüber anderen Schiffspassagieren, was genau die Relativitätstheorie ist. Er beschreibt diese wie folgt: “Stellen Sie sich vor, sie dürften eine Stunde mit einem hübschen Mädchen verbringen. Diese ginge sehr schnell vorbei, nicht wahr? Nun stellen Sie sich aber vor, Sie müssten eine Minute auf einem heissen Ofen sitzen. Das würde Ihnen bestimmt sehr lange vorkommen. Dies ist, sehr vereinfacht gesagt, die Relativitätstheorie.”

 

 


Aufgeführt wird “Einstein” noch bis am 11. September 2010. Hier findest du weitere Informationen zum Freilichttheater Gurten.